Das furchtbare Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus

nach den Schauungen / Visionen der seligen, stigmatisierten Anna Katharina Emmerich


Jesus Todesangst

Links: Das Antlitz Christi von dem berühmten Grabtuche in Turin. Nach den mit modernsten Mitteln geführten wissenschaftlichen Untersuchungen weist alles darauf hin, dass dieses Grabtuch das echte Leinen ist, in welches der Heiland nach der Kreuzabnahme gehüllt wurde und in welches sich die Züge des Heilandes im Grabe auf natürliche und auch einzigartige Weise abgebildet haben. Die weißen Querlinien stammen von den Schatten der Falten des Leinentuches.


Das schreckliche Ölbergsleiden

"Meine Seele ist betrübt bis zum Tode." Er blickte umher und sah von allen Seiten Angst und Versuchung wie Wolken voll schrecklicher Bilder sich nahen und zu den drei, noch weiter mit ihm gegangenen Aposteln sagte er: "Bleibet hier und wachet mit mir! Betet, auf dass ihr nicht in Versuchung fallet!" Jesus ging noch etwas weiter bis zu einer etwa sechs Fuß tieferen Höhle.

Als Jesus sich von den Jüngern trennte, sah ich rings einen weiten Kreis von Schreckensbildern heranziehen und sich immer mehr um ihn verengen. Seine Trauer und Angst wuchsen. Und er zog sich zagend in die Höhle zurück, gleich einem, der von einem furchtbaren Gewitter verfolgt, ein Obdach sucht, um zu beten. Aber ich sah all' die drohenden Bilder ihm in die Höhle nachfolgen und immer deutlicher werden.

Ich sah alle diese Ärgernisse in unermesslichen Bilderreihen aus allen Jahrhunderten bis auf unsere Zeit und weiter bis zum Ende der Welt, in allen Formen des kranken Irrwahns, des hoffärtigen Trugs, der fanatischen Schwärmerei, des falschen Prophetentums, der ketzerischen Hartnäckigkeit und Bosheit an der Seele des armen Jesus vorüberziehen. Alle abtrünnigen Selbstrechtfertiger, Irrlehrer und Scheinheiligen, die Verführer und die Verführten höhnten und peinigten Jesus, als sei er ihnen nicht recht gekreuzigt, nicht bequem ans Kreuz geschlagen nach ihren Gelüsten und der Auslegung ihres Dünkels. Und sie zerrissen und zerteilten den ungenähten Rock seiner Kirche. Jeder wollte den Erlöser anders haben, als er sich aus Liebe gegeben.

Unzählige misshandelten ihn, höhnten ihn, leugneten ihn. Unzählige sah er, die mit stolzem Achselzucken und Kopfschütteln an ihm, der die rettenden Arme nach ihnen ausbreitete, vorüberzogen, dem Abgrunde entgegen, der sie verschlang.

Christus, des Menschen Sohn rang und wand die Hände. Er stürzte wie gedrängt hin und wieder auf die Knie. Und sein menschlicher Wille kämpfte einen so schweren Kampf gegen den Widerwillen, für ein so undankbares Geschlecht so Unaussprechliches zu leiden, dass der Schweiß wie dicke Bluttropfen in Strömen von ihm nieder zur Erde rann. Ja, er war so bedrängt, dass er wie Hilfe suchend umherblickte und Himmel und Erde und die Lichter des Firmaments als Zeugen seiner Leiden anzusprechen schien.

Alle Arten von Menschen sah ich unter seinen Feinden, ja sogar Blinde und Lahme, Taube und Stumme und selbst Kinder. Blinde, welche die Wahrheit nicht sehen wollten, Lahme, durch Faulheit, die ihr nicht folgen wollten, Taube, welche seine Warnungen und seinen Weheruf nicht hören wollten. Stumme, welche nicht einmal mit dem "Schwerte des Wortes" für ihn kämpfen wollten, Kinder - im Gefolge weltgesinnter und darum gottvergessener Eltern und Lehrer - mit weltlicher Lust verfüttert, mit eitlem Wissen berauscht; an göttlichen Dingen geekelt - oder ohne sie verkommen und auf immer verdorben.

Unter den Kindern, die Jesus so sehr liebte, sah ich besonders viele schlecht belehrte, übel erzogene, unehrerbietige Kinder und Messdiener, die Christus im heiligen Sakramente und in den heiligsten Handlungen nicht ehren. Ihre Schuld fiel teils auf die Lehrer und die bedachtlosen Kirchenvorsteher. Mit Schrecken aber sah ich, dass selbst viele Priester hohen und niedrigen Ranges, ja selbst solche, die sich für gläubig und fromm hielten, zur Misshandlung Jesu im heiligsten Sakramente beitrugen.

Ja, auch bei den Ärmsten sah es oft besser aus als bei dem Herrn des Himmels und der Erde in seiner Kirche. Ach, wie bitter betrübte Jesus, der sich selbst ihnen zur Speise gegeben, diese schlechte Gastfreiheit. Es braucht ja keines Reichtums, den zu bewirten, der auch den Becher kalten Wassers dem Dürstenden gereicht… tausendfältig belohnt. Und wie dürstet er selbst nach uns.

Wenn ich ein Jahr lang erzählte, würde ich nicht fertig werden, alle die verschiedenen Misshandlungen Jesu Christi im heiligsten Sakramente aufzuzählen, welche ich in solcher Weise erkannte. Ich sah viele durch schlechtes Beispiel und treuelose Lehre vom Glauben an die Verheißungen seiner Gegenwart im heiligen Sakramente abfallen und ihren Heiland nicht mehr in demselben demütig anbeten. Ich sah in diesen Scharen eine große Menge sündhafter Lehrer, die Irrlehrer geworden sind. Sie kämpften anfangs untereinander und wüteten dann vereint gegen Jesus im heiligsten Sakramente seiner Kirche. Ich sah eine große Schar abtrünniger Sektenhäupter, das Priestertum der Kirche verschmähen und die Gegenwart Jesu Christi im Geheimnisse des heiligen Sakramentes, so wie er dieses Geheimnis der Kirche selbst übergeben und sie es treu bewahrt hat, bestreiten und verleugnen und durch ihre Verführung unzählige Menschen von seinem Herzen reißen, für die er sein Blut vergossen hatte.

Ach, und er blickte und jammerte ihnen so rührend nach. Zuletzt aber sah ich alle von der Kirche Getrennten in Unglauben, Aberglauben, Irrglauben, Dünkel und falscher Weltwissenschaft verwildert und ergrimmt, in großen Kriegsheeren verbunden gegen die Kirche stürmen und wüten und die Schlange mitten unter ihnen, treibend und würgend.

Es war, als sähe und fühle Jesus sich selbst in unzählige feine Fasern zerreißen. Ach, der Herr krümmte sich gleich einem Wurme unter der Last seiner Trauer und Angst. Seine Seele erschrak vor der Menge und der Abscheulichkeit der Sünden und des menschlichen Undanks gegen Gott - und es überfiel ihn eine so zermalmende Trauer und Herzensangst, dass er zitternd und zagend flehte: "Abba Vater! Ist es möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber! Mein Vater, dir ist alles möglich, nimm diesen Kelch von mir!" Dann fasste er sich wieder und sagte: "Doch nicht was ich will, sondern was du willst!"

Er fiel hin und her und rang die Hände. Angstschweiß bedeckte ihn. Er zitterte und bebte, richtete sich auf, seine Knie schwankten und trugen ihn kaum, ganz entstellt und schier unkenntlich; seine Lippen waren bleich, seine Haare stiegen empor. Voller Angst und Qual erhob er sich, schwankend, öfters niederfallend, von Schweiß gebadet, wankte er zu den drei Jüngern. Als er sie schlafend fand, sank er händeringend vor Trauer und Ermattung auf sie nieder und sagte: "Simon, schläfst du? Also konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?" Die Jünger erschraken und waren entsetzt, als sie ihn sahen. Johannes sagte: "Meister! Was geschieht mit dir? Soll ich die anderen Jünger rufen, sollen wir fliehen?" Jesus aber erwiderte: "Wenn ich auch noch einmal dreiunddreißig Jahre lebte, lehrte und heilte, reichte es nicht hin, zu tun, was ich bis morgen erfüllen muss. Rufe die anderen nicht.

Ich habe sie dort gelassen, weil sie nicht vermögen, mich in diesem Elend zu sehen, ohne sich zu ärgern an mir. Sie würden in Versuchung fallen, vieles vergessen und zweifeln an mir. Ihr aber habt den Menschensohn verklärt gesehen, so möget ihr ihn auch sehen in seiner Verfinsterung und ganzen Verlassenheit. Aber wachet und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung fallet: der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!"

Jesus kehrte mit wachsender Angst in die Höhle zurück. Doch ein neuer Kampf, noch schrecklicher und qualvoller, ging an seiner Seele vorüber. Keine Zunge vermag auszusprechen, welche Schrecken und Schmerzen die Seele Jesus durch diese Bilder des genugtuenden Leidens inne ward, denn er erkannte nicht nur die Bedeutung aller der Sündenlust entgegengesetzten Sühnungspein, sondern auch den Inhalt aller darauf bezüglichen Marterwerkzeuge, so dass ihn nicht nur die Pein des Werkzeuges allein entsetzte, sondern auch der sündhafte Grimm derer, die es erdacht, und die Wut und Bosheit aller, die es von jeher gebraucht, und die Ungeduld aller, die damit schuldig oder unschuldig gepeinigt worden waren; denn er trug und fühlte die Sünden der ganzen Welt. Alle diese Peinigungen und Qualen erkannte er in einer inneren Anschauung mit solchem Entsetzen, dass der blutige Schweiß von ihm drang.

Er sah die Leiden, Anfechtungen und Verletzungen der künftigen Kirche, seiner Braut, die er so teuer mit seinem Blute erkaufen wollte; er sah den Undank der Menschen. Es war mir, als hörte ich ihn ausrufen: "Ach, ist es denn möglich, solchen Undank zu erleiden? Gebet Zeugnis meiner Not!"

Und mehrmals hörte ich ihn rufen: "Vater, ist es möglich, für diese alle zu leiden? O Vater, kann dieser Kelch nicht an mir vorübergehen, so geschehe dein Wille!"

Dicke Tropfen dunklen Blutschweißes rannen über das bleiche Antlitz des Herrn herab. Seine Haare klebten vom Blute verworren zusammen und sein Bart ward blutig und wie zerzaust.

In seiner totalen Verlassenheit, Verzweiflung und mächtigen Finsternis führten ihm die Engel in Bildern vorbei die Scharen der künftigen hohen Heiligen und Seligen, der Apostel, der Priester, der Jünger, der Jungfrauen und Frauen, der Märtyrer, Einsiedler und Bekenner, der Kirchenlehrer und Bischöfe, die künftigen Scharen der Klosterleute, ja alle Heere der Seligen mit allen Auszeichnungen ihres Leidens, geschmückt mit ihren Siegeskronen ihrer Leiden und Überwindungen, mit verschiedenen Siegespalmen und Farben, Gerüchen und Düften, in allen möglichen Kontrasten je nach Art ihres Leidens, ihrer Aufopferung, ihres Wollens und Willens und ihrer Berufung, wie es der Herr wollte. Diese alle, die ihr Leiden mit dem Ölbergsleiden und dem ganzen Leiden unseres Herrn Jesus Christus vereinigen, mit seinem Lebenswerk und seinem Kreuzestod, waren ihm Trost.

Getröstet und gestärkt ging er zu seinen Jüngern und sagte: "Es ist keine Zeit zum Schlafen, steht auf und betet, denn sehet, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder wird überliefert werden. Stehet auf, lasset uns vorangehen! Sehet, der Verräter ist nahe; o es wäre besser, wenn er nicht geboren wäre! Lasset uns ihm entgegengehen! Ich will ohne Widerstand mich in die Hände der Feinde geben." Judas zog mit zwanzig Kriegsknechten voraus und Jesus nahte sich dem Haufen, zu Judas sagend: "Freund, wozu bist du gekommen?" Judas trat, vom Herrn zugelassen, auf Jesus zu und küsste ihn mit den Worten: "Meister, sei gegrüßt." Jesus sagte: "Judas, mit einem Kusse verrätst du den Menschensohn!"

Jesus vor Annas

Um Mitternacht war Jesus in dem Palaste des Annas von einem Teil der Kriegsknechte, die Jesus gefangen genommen hatten, wurde er geführt, mehrere Stufen an den Stricken hinangezerrt. Den übrigen Raum der Halle füllten Kriegsknechte und allerlei Gesindel, schmähende Juden, Diener des Annas und ein Teil der Zeugen, welche Annas zusammengetrieben und die sich später bei Kaiphas einstellten. Annas konnte die Ankunft des armen Heilandes kaum erwarten. Er sprühte vor Schadenfreude, Arglist und Hohn. Er war jetzt das Oberhaupt eines Gerichtes und saß hier mit seinem Ausschuss, seiner Kommission, die über die reine Lehre zu wachen und das Anklägeramt vor dem Hohenpriester auszuüben hatte.

Jesus stand bleich, abgehetzt, in nassem, mit Kot beflecktem Gewande, mit gefesselten Händen, von den Schergen an Stricken gehalten, mit gesenktem Haupte schweigend vor Annas. Dieser alte, hagere Bösewicht mit dünnem Barte, voll Hohn und kalter Hoffart, stellte sich halb lächelnd, als wisse er gar nichts und als wundere er sich, dass Jesus der ihm angekündigte Gefangene sei. Seine Anrede an Jesus, die ich nicht mit denselben Worten vorbringen kann, war ihrem Sinne nach ungefähr folgende: "Ei, sieh da, Jesus von Nazareth, du bist es! Wo sind denn deine Jünger, dein großer Anhang? Wo ist dein Königreich? Es scheint alles eine andere Wendung mit dir genommen zu haben! Das Schmähen hat sein Ende gefunden; man hat zugesehen, bis es genug des Gotteslästerns, Priesterlästerns und Sabbatschändens war. Wer sind deine Jünger? Wo sind sie? Nun schweigst du? Rede! Aufwiegler! Verführer! Du hast ja das Osterlamm schon gegessen auf ungewohnte Art, zu ungewohnter Zeit, an ungewohntem Orte! Du willst eine neue Lehre aufbringen. Wer hat dir das Recht zu lehren gegeben? Wo hast du gelernt? Sprich! Was ist deine Lehre, die alles empört? Sprich! Rede! Was ist deine Lehre?"

Da richtete Jesus sein müdes Haupt empor, sah Annas an und sprach: "Ich habe öffentlich geredet vor aller Welt, wo alle Juden zusammenkommen. Heimlich habe ich nichts geredet. Warum fragst du mich? Frage die, welche gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Sieh, diese wissen, was ich geredet habe!"

Als das Angesicht des Annas bei diesen Worten Jesu Grimm und Hohn verriet und ein schändlicher Gerichtsknecht, der neben Jesus stand, dieses bemerkte, schlug dieser Schurke den Herrn mit voller Hand, an der er mit Eisen bewaffnet war, prasselnd auf Mund und Wange mit den Worten: "Antwortest du so dem Hohenpriester?" Jesus, von der Heftigkeit des Schlages halb betäubt, von den Bütteln hin- und hergerissen, fiel seitwärts auf die Stufen; das Blut floss ihm aus Mund und Nase; Höhnen, Murren, Lachen und Schimpfen erfüllte die Halle. Sie rissen aber Jesus unter Misshandlungen wieder auf, und er sprach ruhig: "Habe ich unrecht geredet, so beweise es, habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?"



Jesus vor Kaiphas

Unter tobendem Hohngeschrei, Stoßen, Reißen und mit Unflat beworfen, wurde Jesus in das Atrium geführt, wo ein dumpfes Murren und Flüstern des zurückgehaltenen Grimms an die Stelle der ungebundenen Pöbelwut trat.

Kaum war Jesus durch die Säulen empor vor den Rat getreten, als Kaiphas ihm auch entgegenschrie: "Bist du da, du Gottesschänder, der uns diese heilige Nacht stört!"

Nun aber folgte das Zeugenverhör. Es war dieses teils nur ein wirres Schreien und Toben des bestochenen Pöbels, teils waren es die Aussagen von einzelnen Parteien, seiner grimmigsten pharisäischen und sadduzäischen Feinde aus dem ganzen Lande, die hier auf dem Feste aufgesucht worden waren. Man brachte alles wieder vor…: "Er heile und treibe die Teufel durch den Teufel aus, schände den Sabbat, breche die Fasten, seine Jünger wüschen die Hände nicht, er wiegle das Volk auf, er nenne die Pharisäer Schlangengezücht und Ehebrecher, prophezeie den Untergang Jerusalems, gehe mit Heiden, Zöllnern, Sündern und schlechten Weibern um. Er ziehe mit großen Scharen umher, lasse sich einen König, Propheten, ja den Sohn Gottes nennen und spreche immer von seinem Reiche. Er bestreite die Erlaubnis der Ehescheidung. Er habe Wehe über Jerusalem gerufen. Er nenne sich das Brot des Lebens. Er führe unerhörte Lehren: Wer sein Fleisch nicht esse, sein Blut nicht trinke, werde nicht selig werden."

Alle diese Reden waren von steten Misshandlungen der Gerichtsdiener begleitet, die ihn mit Schlagen und Stoßen zum Antworten zwingen wollten. Durch Gott allein konnte er bei all diesem noch länger leben, um die Sünden der Welt zu tragen. Einige niederträchtige Zeugen sagten aus, der Herr sei ein unehelicher Sohn; da widersprachen aber andere und sagten: "Das ist erlogen, denn seine Mutter war eine fromme Jungfrau im Tempel, und wir waren bei ihrer Trauung mit einem sehr gottesfürchtigen Manne zugegen. Diese Zeugen fingen darüber zu zanken an.

Kaiphas, durch das widersprechende Reden der beiden letzten Zeugen und ihre Beschämung ganz ergrimmt, stand nun von seinem Sitze auf und ging ein paar Stufen hinunter zu Jesus und sagte: "Antwortest du nicht auf dieses Zeugnis?" Er ärgerte sich aber, dass Jesus ihn nicht anblickte. Da rissen die Schergen unserem Herrn das Haupt an den Haaren zurück und schlugen ihn mit Fäusten unter das Kinn. Sein Blick jedoch blieb gesenkt. Kaiphas aber hob die Hände heftig empor und sagte mit ergrimmter Stimme: "Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagest, ob du Christus, der Messias, der Sohn Gottes, des Hochgelobten, bist?"

Da ward eine große Stille in all dem Getümmel, und Jesus sagte, von Gott gestärkt, mit einer unaussprechlich würdigen, alles erschütternden Stimme, mit der Stimme des ewigen Wortes: "Ich bin es, du sagst es, und ich sage euch, bald werdet ihr den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Majestät und kommen auf den Wolken des Himmels!"

Ich sah während dieser Worte Jesus wie leuchtend und über ihm den Himmel offen, und sah darin in einem unaussprechlichen Inbegriff Gott, den allmächtigen Vater, ich sah die Engel und das Gebet der Gerechten, als schrieen und beteten sie für Jesus. Ich aber sah, als sage die Gottheit Jesu aus dem Vater und aus Jesus zugleich: "Wenn ich leiden könnte, wollte ich leiden, weil ich aber barmherzig bin, habe ich Fleisch angenommen im Sohne, auf dass der Menschensohn leide, denn ich bin gerecht, und sieh, die Sünden aller dieser, die Sünden aller Welt trägt er."

Und Kaiphas, wie von der Hölle begeistert, ergriff den Saum seines Prachtmantels, durchschnitt ihn mit einem Messer und zerriss ihn mit zischendem Geräusch, laut aufschreiend: "Er hat Gott gelästert, was bedarf es noch der Zeugen, nun habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört, was dünkt euch nun?" Da standen alle noch Anwesenden auf und riefen mit schrecklicher Stimme: "Er ist des Todes schuldig, er ist des Todes schuldig!"

Während dieses Geschreis war jenes finstere Wüten der Hölle am schrecklichsten im Hause. Die Feinde Jesu waren wie vom Satan berauscht, und ebenso ihre Augendiener und hündischen Knechte. Es war, als rufe die Finsternis ihren Triumph über das Licht aus. Es überfiel alle Anwesenden, in denen noch irgendetwas Gutes war, ein solches Grauen, dass sich viele verhüllten und hinweg schlichen. Auch die Vornehmeren unter den Zeugen verließen nun, da sie nicht mehr nötig waren, mit bösem Gewissen das Richthaus, niedrigere trieben sich im Vorhofe am Feuer herum, wo ihnen Geld ausbezahlt wurde und wo sie nun fraßen und soffen.


Der Hohepriester aber sagte nun zu den Schergen: "Ich gebe euch diesen König preis, tut dem Gotteslästerer seine Ehre an!" Er begab sich dann mit seinen Ratsherren in den hinter dem Richtersitze gelegenen runden Saal.


Die furchtbare Geißelung

Pilatus, der niederträchtige schwankende Richter, hatte mehrmals das verkehrte Wort ausgesprochen: "Ich finde keine Schuld an ihm, darum will ich ihn züchtigen lassen und losgeben." Das Geschrei der Juden währte aber immer fort: "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!" Er wollte jedoch erst seinen Willen noch versuchen, und gab den Befehl, Jesus auf römische Weise zu geißeln. Da führten die Schergen Jesus, mit kurzen Stäben ihn stoßend und schlagend durch das tobende Volk hinaus auf das Forum, nördlich von Pilatus Haus und unweit dem Wachhaus an eine Geißelsäule, welche hier vor einer der den Markt umgebenden Hallen stand.

Die Henkersknechte kamen mit ihren Geißeln, Ruten und Stricken, die sie bei der Säule niederwarfen, Jesus entgegen. Es waren sechs braune Menschen, mit krausem struppigem Haupthaar. Ihre Bekleidung bestand aus einer Binde um den Unterleib, schlechten Sohlen und einem Stück Leder, oder sonst schlechtem Zeug, das, an der Seite offen, wie ein Skapulier ihren Oberleib bedeckte; ihre Arme waren nackt. Es waren Verbrecher aus der Gegend von Ägypten, die als Sklaven und Sträflinge hier an Bauten und Kanälen arbeiteten. Es wurden die Boshaftesten und Niederträchtigsten aus ihnen zu solchen Henkerdiensten im Prätorium gebraucht.

Diese gräulichen Menschen hatten an derselben Säule schon arme Sünder zu Tode gepeitscht. Sie hatten etwas ganz Tierisches, Teuflisches in ihrem Wesen und waren wie halb besoffen. Sie schlugen den Herrn, der doch ganz willig ging, mit Fäusten und Stricken, und rissen ihn mit rasender Wut zu der Geißelsäule. Es ist unmöglich, die Barbarei auszusprechen, mit welcher diese wütenden Hunde Jesus auf dem kurzen Weg misshandelten. Sie rissen ihm den Spottmantel Herodes ab und warfen den armen Heiland schier zur Erde. Jesus zitterte und bebte vor der Säule. Er zog seine Kleider selbst mit seinen, vom heftigen Schnüren geschwollenen und blutigen Händen in bebender Eile aus, während sie an ihm stießen und rissen. Er betete und flehte so rührend, und wendete sein Haupt einen Augenblick zu seiner betrübtesten Mutter, die bei den heiligen Frauen in einem Winkel der Hallen des Marktes nicht weit vom Geißelplatz stand, und sagte, sich zu der Säule kehrend, um durch dieselbe sich zu decken: "Wende deine Augen von mir." Ich weiß nicht, ob er dieses mit äußeren oder inneren Worten sagte; aber ich vernahm, wie Maria es vernahm; denn ich sah sie in demselben Augenblick abgewendet in die Arme der sie umgebenden verschleierten heiligen Frauen sinken. Unser Herr und Heiland, der Sohn Gottes, wahrer Gott und wahrer Mensch, zuckte und krümmte sich wie ein armer Wurm unter den Rutenhieben der Verbrecher. Er wimmerte, und ein helles süß klingendes Wehklagen wie ein liebevolles Gebet unter zerreißender Pein drang durch die zischenden Rutenhiebe seiner Peiniger. Dann und wann verschlangen diese jammervollen, heiligen, segnenden Klagetöne das Geschrei des Volkes und der Pharisäer... Sie schrieen in ganzen Massen: "Hinweg mit ihm, kreuzige ihn!"

Jesu Leib war ganz braun und blau und rot mit Schwielen bedeckt, und sein heiliges Blut rieselte nieder. Er zitterte und zuckte. Hohn und Spott ertönte von allen Seiten.

Aber sie hatten des Gräuels nicht genug. Sie lösten die Stricke auf und banden Jesus herum mit dem Rücken gegen die Säule. Und weil er so erschöpft war, dass er nicht mehr stehen konnte, banden sie ihn mit dünnen Stricken über die Brust, unter den Armen und unter den Knien an die Säule, und seine Hände schnürten sie hinter die Säule in deren Mitte fest, nur Blut und Wunden, nur grausamste Zerfleischung waren an dem allerheiligsten, anbetungswürdigsten Leib des Sohnes Gottes zu erkennen. Wie wütende Hunde tobten die Geißler mit ihren Hieben. Einer hatte eine feinere Rute in der linken Hand und zerpeitschte ihm sein Antlitz damit. Es war keine heile Stelle mehr am Leibe des Herrn. Er sah die Geißler mit seinen bluterfüllten Augen an und flehte um Erbarmen. Sie aber wüteten umso ärger. Jesus jammerte immer leiser: "Wehe!"

Die fürchterliche Geißelung hatte wohl an dreiviertel Stunden gewährt, als ein fremder geringer Mann, ein Verwandter des von Jesus geheilten blinden Ctesiphon, zu der Rückseite der Säule mit einem sichelförmigen Messer zornig herzustürzte und schrie: "Haltet ein. Schlaget den unschuldigen Menschen nicht ganz tot!" Da hielten die trunkenen Büttel stutzend ein; jener schnitt in Eile, wie mit einem Schnitte, die Stricke Jesu los, die hinten an der Säule alle in einem Knoten um einen großen eisernen Nagel befestigt waren. Dann floh der Mann wieder, unter der Menge des Volkes sich verlierend. Jesus aber sank mit seinem ganzen blutenden Leibe am Fuße der Säule wie ohnmächtig in den Kreis seines Blutes nieder. Die Geißelknechte ließen ihn liegen, tranken und riefen den Henkerbuben zu, die im Wachhaus beschäftigt waren, die Dornenkrone zu flechten.

Jesus zuckte noch in seinen Schmerzen mit blutenden Wunden am Fuße der Säule liegend. Da sah ich einige freche Dirnen vorbeiziehen. Sie hatten sich bei den Händen gefasst und standen vor Jesus still und sahen nach ihm mit weichlichem Ekel. Da schmerzten ihn alle seine Wunden noch mehr, und er hob sein elendes Angesicht so jammervoll gegen sie. Sie zogen weiter und die Schergen und Soldaten riefen ihnen lachend Schandreden nach.

Ich sah aber mehrmals während der Geißelung, als erschienen trauernde Engel um Jesus; und ich hörte sein Gebet, wie er unter dem Hagel der bitteren, schimpflichen Pein sich fortwährend ganz seinem Vater für die Sünden der Menschen hingab. Jetzt aber, da er in seinem Blute an der Säule lag, sah ich einen Engel, der ihn erquickte. Es war, als gäbe er ihm einen leuchtenden Bissen.

Ich sah die heiligste Jungfrau während der Geißelung unseres Erlösers in steter Aufregung. Sie sah und litt in unaussprechlicher Weise alles mit, was ihrem Sohne geschah.


Jesu Dornenkrönung und Verspottung

Die Krönung und Verspottung Jesu geschah im inneren Hofe des Wachhauses, das über den Gefängnissen an dem Forum stand. Es war mit Säulen umgeben und die Eingänge waren geöffnet. Es waren etwa 50 niederträchtige Schurken vom Tross, Knechte der Gefangenenwärter, Schergen, Buben, Sklaven und die Geißelknechte, welche bei dieser Misshandlung Jesu tätig teilnahmen. Anfangs drängte sich das Volk heran. Aber bald umgaben 1000 römische Soldaten das Gebäude. Sie standen in Reih und Glied, höhnten und lachten und gaben dadurch der Prahlerei der Quäler Jesu allerlei Veranlassung, sein Leiden zu vermehren. Denn ihr Gelächter und ihre Späße munterten diese auf, wie der Beifall die Schauspieler.

Sie rissen Jesus abermals alle Kleidung von seinem verwundeten Leibe und legten ihm einen alten, roten, zerrissenen, kurzen Soldatenmantel um, der nicht an die Knie reichte. Es hingen hie und da Fetzen von gelben Quasten daran. Er lag in einem Winkel der Schergenkammer und sie pflegten ihn den gegeißelten Verbrechern umzutun, um entweder das Blut zu trocknen oder sie zu verspotten. Nun schleppten sie Jesus zu dem mit Scherben und Steinen bedeckten Stuhl und stießen seinen verwundeten, entblößten Leib heftig darauf nieder. Sie setzten ihm die Dornenkrone auf, welche ein paar Hand hoch, dicht und künstlich geflochten war und einen oben vorstehenden Rand hatte. Sie legten sie ihm wie eine Binde um die Stirne und banden sie hinten fest zusammen. Da bildete sie einen Kronenhut. Sie war aus drei fingerdicken, im Dickicht gerade aufgeschossenen Dornzweigen künstlich geflochten und die Dornen mit Absicht meistens einwärts gedreht. Es waren dreierlei Steckdornen solcher Art, wie man bei uns Kreuzdornen, Schlehdornen und Hagedornen hat. Oben hatten die Kronflechter einen vorstehenden Rand von einem Dorn, wie bei uns die Brombeeren, angeflochten, bei welchem sie die Krone anfassten und zerrten.

Dann gaben sie Jesus ein dickes Schilfrohr in die Hand mit einem Buschen obenauf. Alles das taten sie mit einer höhnenden Feierlichkeit, als krönten sie ihn wirklich zum König. Sie nahmen ihm aber das Rohr aus der Hand und schlugen heftig auf die Krone damit. Das Blut füllte seine Augen. Sie knieten vor ihm nieder, streckten die Zunge vor ihm aus, schlugen und spieen ihm in das Angesicht und schrieen: Sei gegrüßt, du König der Juden! Sie warfen ihn unter Hohngelächter mit dem Stuhle um, und stießen ihn wieder von neuem darauf.

Ich vermag alle die niederträchtigen Erfindungen dieser Buben, den armen Heiland zu verhöhnen, nicht zu wiederholen. Ach, er dürstete so entsetzlich, denn er hatte wie ein Wundfieber von der Zerfleischung durch die unmenschliche Geißelung. Er zitterte. Das Fleisch in den Seiten war hie und da bis auf die Rippen zerrissen. Seine Zunge war krampfhaft zusammengezogen, nur das nieder rinnende heiligste Blut seines Hauptes erbarmte sich seines glühenden Mundes, der schmachtend geöffnet war. Die schrecklichen Menschen aber nahmen seinen Mund als ein Ziel ihres ekelhaften Auswurfes. So wurde Jesus etwa eine halbe Stunde misshandelt, und die Kohorte, welche das Prätorium in Reih und Glied umgeben hatte, lachte und jauchzte dazu.

Nun führten sie Jesus mit der Dornenkrone auf dem Haupte und dem Rohrzepter in den gebundenen Händen, mit dem Purpurmantel bedeckt, wieder in den Palast des Pilatus. Jesus war unkenntlich von Blut, das seine Augen füllte und in den Mund und Bart nieder rann. Sein Leib, mit Schwielen und Wunden bedeckt, glich einem in Blut getauchten Tuche. Er ging gebückt und schwankend. Der Mantel war so kurz, dass er sich beugen musste, um sich mit ihm zu bedecken. Sie hatten ihm alle Bekleidung bei der Krönung wieder abgerissen. Als er an der untersten Stufe der Treppe vor Pilatus anlangte, ergriff dieser das Wort und fragte ihn: "Wer bist du?" Jesus aber gab ihm keine Antwort. Nun versetzte Pilatus: "Du antwortest mir nicht? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich zu kreuzigen und dich los zu lassen?" Jesus antwortete: "Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben herab gegeben wäre; deswegen begeht der, welcher mich dir überliefert, eine noch schwerere Sünde."


Kreuzweg Jesu - Unsere Schuld
Jesus trägt sein Kreuz nach Golgatha

Die Schergen führten Jesus auf die Mitte des Forums und es traten mehrere Sklaven durch das Tor von der Abendseite herein, das Kreuzholz tragend, und warfen es ihm vor die Füße prasselnd auf die Erde nieder.

Als das Kreuz vor Jesus auf dem Boden lag, warf er sich dabei auf die Knie nieder, umfasste es mit den Armen und küsste es dreimal, indem er leise ein rührendes Dankgebet zu seinem himmlischen Vater für die beginnende Erlösung der Menschen sprach. Wie die Priester unter den Heiden einen neu gegründeten Altar umarmen, so umarmte der Herr sein Kreuz, den ewigen Altar des genugtuenden, blutigen Opfers. Die Schergen aber rissen Jesus in eine aufrecht knieende Stellung und er musste den schweren Balken mühsam mit weniger und grausamer Hilfe auf seine rechte Schulter nehmen und mit dem rechten Arme umfassen. Ich sah ihm unsichtbare Engel helfen, sonst hätte er es nicht aufzuladen vermocht. Er kniete unter der Last gebeugt und betete.

Es ertönte aber die Posaune von Pilatus Reiterei; und einer von den Pharisäern nahte Jesus, der noch mit seiner Last kniete, und sagte: "Es ist aus mit den schönen Reden; machet, dass wir ihn los werden! Vorwärts! Vorwärts!" Da rissen sie Jesus in die Höhe; es kam die ganze Kreuzeslast auf seine Schultern, die wir ihm nachtragen müssen nach seinen heiligen, ewig wahren Worten. Es setzte sich der auf Erden so schmähliche, im Himmel so selige Triumphzug des Königs der Könige in Bewegung.

Jesus erinnerte mich lebhaft, mit den zusammengebundenen Kreuzhölzern auf der Schulter, an Isaak, der das Holz zu seinem eigenen Opfer auf den Berg trug.

Unser Herr und Erlöser ging unter der schweren Last des Kreuzholzes gebeugt und schwankend, zergeißelt, zerschlagen und ermüdet. Seit dem gestrigen letzten Abendmahle ohne Speise und Trank und Schlaf, in steter tödlicher Misshandlung, von Blutverlust, Wunden, Fieber, Durst und unnennbarem inneren Leid und Entsetzen erschöpft, ging er wankend und niedergedrückt auf bloßen, verwundeten Füßen. Die Rechte umfasste die schwere Last auf der rechten Schulter, die Linke suchte oft mühsam das weite, hindernde Gewand vor den unsicheren Tritten zu heben. Vier Schergen hielten die von seinem Fesselgürtel auslaufenden Stricke weit von ihm. Die zwei vorderen zerrten ihn vorwärts; die beiden folgenden trieben ihn an; so hatte er keinen sicheren Tritt, und die zerrenden Stricke hinderten ihn immer, sein Gewand zu heben. Seine Hände waren von dem heftigen früheren Schnüren verwundet und geschwollen. Sein Angesicht war mit Blut und Geschwulst bedeckt, seine Haare und sein Bart waren zerrauft und mit Blut verklebt, die Last und die Fesseln drückten ihm die schwere wollene Kleidung in den verwundeten Leib, und die Wolle klebte fest an den neu aufbrechenden wunden Stellen; um ihn war lauter Hohn und Bosheit. Er war unaussprechlich elend, martervoll und liebend, sein Mund war betend, sein Blick flehend, vergebend und leidend. Die zwei Schergen hinter ihm, welche das Kreuzstammende mit dem daran befestigten Stricke empor hielten, vermehrten die Mühseligkeit Jesu, indem sie die Last durch ihr Heben und das Sinkenlassen der Stricke öfters verschoben.


Jesus fällt unter dem Kreuze

Die Schergen zerrten und trieben ihn unbarmherzig; da stürzte der göttliche Kreuzträger an einem vorragenden Stein in ganzer Länge zur Erde hin, und die Kreuzbürde fiel neben ihm nieder. Die Treiber fluchten, zerrten und stießen ihn mit Füßen. Es entstand eine Stockung in dem Zuge und ein Getümmel um ihn. Vergebens reichte er die Hand, dass ihm einer helfe. "Ach, es ist ja bald vorüber!", sprach er und betete. Die Pharisäer schrieen: "Auf! Treibt ihn auf! Er stirbt uns sonst unter den Händen." Durch übernatürliche Hilfe richtete Jesus sein Haupt wieder empor, und die schrecklichen, teuflischen Buben setzten ihm hier, statt ihn zu erleichtern, die Dornenkrone wieder auf.


Jesus und seine mit ihm leidende heiligste Mutter

Maria konnte nicht länger ferne bleiben; sie musste ihren göttlichen Sohn in seinem Leiden sehen und bat Johannes, sie an eine Stelle zu bringen, wo Jesus vorüberkomme. Maria betete und sagte zu Johannes: "Soll ich es sehen? Soll ich hinwegeilen? O, wie werde ich es ertragen können!" Johannes sagte: So du nicht bliebest, würde es dich immer bitter schmerzen. Da nun die Henkersdiener mit allen Martergeräten frech triumphierend nahe kamen, zitterte und wimmerte die heiligste Mutter und rang die Hände. Einer der Buben fragte das daneben herziehende Volk: "Was ist das für ein Weib, das so kläglich tut? Da antwortete einer: "Es ist die Mutter des Galiläers. Als die Schurken dies hörten, höhnten sie die jammernde Mutter mit Spottreden, zeigten mit Fingern auf sie, und einer der niedrigen Buben fasste die Kreuzigungsnägel in die Faust und hielt sie höhnend der heiligsten Jungfrau vor das Angesicht. Sie aber sah händeringend nach Jesus hin und lehnte sich im Schmerz gegen den Pfeiler eines Tores. Sie war bleich wie eine Leiche und ihre Lippen waren blau. Die Pharisäer ritten vorüber; da kam der Knabe mit der Inschrift, und ach, ein paar Schritte hinter ihm, Gottes Sohn, ihr Sohn, der Heiligste, der Erlöser! Schwankend und gebückt, das Haupt mit der Dornenkrone schmerzlich von der schweren Kreuzeslast gegen die Schulter wendend. Schergen rissen ihn an den Stricken vorwärts. Sein Angesicht war bleich, blutig und zerschlagen, sein Bart von Blut spitz zusammengeklebt. Er blickte mit seinen blutigen, tief liegenden Augen so ernst und mitleidig unter dem schrecklichen, verwirrten Dorngeflecht seiner Krone hervor gegen seine peinvolle Mutter, und sank strauchelnd zum zweiten Male unter der Last des Kreuzes auf die Knie und Hände nieder zur Erde. Die betrübteste Mutter, in der Heftigkeit ihres Schmerzes und ihrer Liebe, sah keine Soldaten, keine Henker; sie sah nur ihren geliebten, elenden, misshandelten Sohn. Händeringend stürzte sie die paar Schritte vom Tore des Hauses zwischen die auftreibenden Schergen zu Jesus hin und sank, ihn umarmend, zu ihm in die Knie. Ich hörte, ich weiß nicht, ob mit ihren Lippen gesprochen oder in ihrem Geiste, die Worte: "Mein Sohn!" … "Meine Mutter!"

Die Schergen schimpften und höhnten. Einer sagte: "Weib, was willst du hier? Hättest du ihn besser erzogen, so wäre er nicht in unseren Händen!" In mehreren Soldaten aber fühlte ich einige Rührung. Sie trieben die heiligste Jungfrau zurück; kein Scherge berührte sie. Johannes und die Frauen führten sie und sie sank an einem Ecksteine des Tores, welcher die Mauer stützte, vor Schmerz wie tot in die Knie.


Simon von Cyrene

Der Zug ging durch das Bogentor einer alten inneren Mauer der Stadt. Vor diesem Tor ist ein größerer Platz, es laufen da drei Straßen zusammen. Da musste Jesus wieder über einen großen Stein und wankte und sank, und das Kreuz fiel neben ihm nieder. Und er fiel, sich auf den Stein stützend, ganz elend zur Erde, vermochte auch nicht mehr sich aufzurichten. Es kamen da Scharen von wohlgekleideten Leuten her; sie zogen zum Tempel und schrieen mitleidig: "O weh, der arme Mensch stirbt!"

Es war ein Getümmel; sie konnten Jesus nicht mehr aufbringen. Die den Zug führenden Pharisäer sagten zu den Soldaten: "Wir bringen ihn nicht lebendig hin. Ihr müsst einen suchen, der ihm das Kreuz tragen hilft!" Es kam aber gerade Simon von Cyrene, ein heidnischer Mann, seine drei Söhne gingen mit ihm. Die Soldaten packten ihn und schleppten ihn herbei, er solle dem Galiläer das Kreuz tragen helfen. Er wehrte sich und zeigte großen Widerwillen; aber sie zwangen ihn mit Gewalt. Simon empfand einen großen Ekel und Widerwillen. Der arme Jesus sah so schrecklich elend und entstellt aus, aber er weinte und blickte Simon so erbarmungswürdig an. Simon musste ihm aufhelfen. Seine Söhne kamen später unter die Jünger. Simon trug das Kreuz nicht lange hinter Jesus, als er eine tiefe Rührung empfand.


Veronika reicht Jesus das Schweißtuch dar

Sie trat verschleiert in die Straße; ein Tuch hing über ihrer Schulter. Die Vorausziehenden versuchten vergebens, sie zurückzuweisen. Sie war von Liebe und Mitleid außer sich, drang durch das zur Seite laufende Gesindel, durch die Soldaten und Schergen hindurch, trat Jesu in den Weg, fiel auf die Knie und hob das Tuch, an einer Seite ausgebreitet, zu ihm auf mit den flehenden Worten: "Würdige mich, meines Herrn Antlitz zu trocknen!" Jesus ergriff das Tuch mit der Linken und drückte es mit der flachen Hand gegen sein blutiges Angesicht; und dann, die Linke mit dem Tuche gegen die Rechte bewegend, welche über den Kreuzarm herüber fasste, drückte er das Tuch zwischen beiden Händen zusammen und reichte es ihr dankend zurück; sie aber küsste es und schob es unter den Mantel auf ihr Herz und stand auf. Nur die rasche Kühnheit ihrer Handlung hatte, durch den Zudrang des Volkes um das plötzliche Ereignis, eine Stockung von kaum zwei Minuten in den Zug gebracht, wodurch die Darreichung des Schweißtuches möglich war. Die reitenden Pharisäer aber und Schergen ergrimmten sich über dieses Aufhalten und noch mehr über die öffentliche Verehrung des Herrn und begannen Jesus zu schlagen und zu zerren; Veronika floh in ihr Haus.

Kaum hatte sie ihr Gemach betreten, als sie das Schweißtuch vor sich auf den Tisch legte und ohnmächtig niedersank. So fand sie ein Hausfreund, der zu ihr eintrat, und sah sie bei dem ausgebreiteten Tuche, auf dem das blutige Angesicht Jesu schrecklich, aber wunderbar deutlich abgedrückt war, wie tot liegen. Er war ganz entsetzt, erweckte sie und zeigte ihr das Angesicht des Herrn; sie war voll Wehklage und Trost, kniete vor dem Tuche und rief aus: "Nun will ich alles verlassen; der Herr hat mir ein Andenken gegeben!"


Die weinenden Töchter Jerusalems

Die Frauen am Wege erhoben bei seinem furchtbaren elenden Anblick ein großes Wehklagen und Jammergeschrei und streckten Jesu, nach jüdischer Weise des Mitleids, Tücher entgegen, er möge sich den Schweiß abtrocknen. Da wendete sich Jesus zu ihnen und sagte: "Ihr Töchter von Jerusalem", das heißt auch, ihr Leute aus den Töchterstädten von Jerusalem, "weinet nicht über mich, weinet über euch selbst und eure Kinder! Denn siehe, es wird eine Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben! Dann werden sie zu sagen beginnen zu den Bergen: Fallet über uns, und ihr Hügel bedecket uns! Denn, wenn man das am grünen Holze tut, was wird man am dürren Holze tun."


Jesu Sterben am Kreuze

Nach dem heftigen Stoße des aufgerichteten Kreuzes vergoss das Haupt Jesu, das, mit der Dornenkrone beschwert, heftig erschüttert wurde, reiche Ströme von Blut. Auch von den Händen und Füßen Jesu flossen Ströme seines heiligen Blutes nieder. Die Schergen aber stiegen nun auf Leitern hinan und lösten die Stricke von dem heiligen Leibe, mit welchen sie ihn an den Kreuzesstamm gebunden hatten, auf dass er bei dem Aufrichten nicht aus den Nägeln reiße. Nun drang der durch die ebene Lage und das Schnüren veränderte Blutlauf in der senkrechten Lage in neue Bewegung. Alle Schmerzen wurden neu und ganz betäubend, und Jesus senkte das Haupt auf die Brust und hing mehrere Minuten wie ohnmächtig.

Es war eine kurze Ruhe umher, die Kreuziger waren mit der Teilung der Kleider Jesu beschäftigt. Das Posaunengetön vom Tempel verhallte in der Luft. Alle Anwesenden waren in Grimm und Schmerz erschöpft, und ich sah meinen Jesus, mein Heil, der Welt Heil, unbeweglich wie tot, in Schmerzen ohnmächtig, und schaute ihn an mit Ernst und Schreck und Mitleid. Auch ich war dem Tode nahe und glaubte eher zu sterben als zu leben. Mein Herz war voll Bitterkeit und Liebe und Leid. Und all' dies entsetzliche Leiden war doch lauter Liebe und all' dieses zuckende Feuer der Schmerzen war doch eine Nacht, in welcher ich jetzt nichts sah, als meinen und aller Seelen gekreuzigten Bräutigam, und ich schaute ihn an mit großem Jammer und Trost.

Sein Angesicht mit der furchtbaren Krone, dem Blut, das die Augenhöhlen, die Haare, den Bart und den verschmachtend offenen Mund füllte, war zur Brust gesunken und vermochte auch später, wegen des Umfanges der Krone, sich nur mit unsäglicher Pein zu erheben. Seine Brust war weit zerspannt und gewaltsam hinauf gerissen, seine Achseln waren hohl und schrecklich ausgedehnt, seine Ellenbogen und Handgelenke wie aus den Geweben gezogen, das Blut strömte an den Armen nieder von den weit gerissenen Handwunden. Unter der hinaufgezogenen Brust war eine tiefe Höhle, sein ganzer Unterleib war hohl und schmal, wie hinweg geschwunden. Gleich den Armen waren die Lenden und Beine des Herrn auf eine entsetzliche Weise wie aus den Gelenken gezogen. Seine Glieder waren so gewaltsam ausgedehnt, alle Muskeln und die zerrissene Haut so jammervoll gespannt, dass man alle seine Gebeine zählen konnte. Das Blut träufelte unter dem furchtbaren Nagel, der seine heiligen Füße durchbohrte, an dem Kreuzstamme nieder, sein ganzer heiliger Leib war mit Wunden, roten Schwielen, Striemen, braunen, blauen und gelben Flecken und Beulen und blutig geschundenen Stellen bedeckt. Die verwundeten Stellen rissen von der heftigen Spannung und ergossen hie und da rotes Blut. Später war das Blut bleich und wässerig und der heilige Leib immer weißer, die Rinden der Wunden fielen ab und er glich ganz verblutetem Fleische. Trotz aller dieser gewaltigen Entstellung erschien der Leib unseres Herrn am Kreuze unaussprechlich edel und rührend, ja, der Sohn Gottes, die ewige, sich in der Zeit aufopfernde Liebe war schön, rein und heilig in dem zertrümmerten, mit Sünden aller Menschen belasteten Leibe des sterbenden Opferlammes.

Die am Kreuze Vorbeiziehenden schüttelten verächtlich den Kopf und sagten: "Pfui über dich, Lügner! Wie zerbrichst du den Tempel und bauest ihn wieder in drei Tagen auf?"

Anderen hat er immer helfen wollen und kann sich selbst nicht helfen. "Bist du der Sohn Gottes, so steige vom Kreuze herab!" "Ist er der König Israels, so steige er vom Kreuze nieder, so wollen wir ihm glauben. Er vertraute Gott, der helfe ihm nun!" Auch die Soldaten spotteten und sagten: "Bist du der Judenkönig, so hilf dir nun!"

Ein Soldat aber steckte einen Schwamm mit Essig auf einen Stab und hielt ihn Jesus vor das Angesicht, und er schien ein wenig zu saugen; das Höhnen währte fort.

Jesus aber richtete sein Haupt etwas auf und sagte: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, und betete still weiter. Dismas, der rechte Schächer, war tief gerührt, als Jesus für seine Feinde betete. Er erhielt durch das Gebet Jesu einen inneren Strahl der Erleuchtung, als die heilige Jungfrau hinzutrat, und er erkannte innerlich, dass Jesus und seine Mutter ihm als Kind schon geholfen haben. Er erhob seine Stimme ganz mächtig und laut und sagte ungefähr folgendes: "Wie ist es möglich, ihr lästert ihn und er betet für euch, er hat geschwiegen und geduldet und betet für euch und ihr lästert, er ist ein Prophet, er ist unser König, er ist Gottes Sohn!" Über diese unerwartete Strafrede aus dem Munde des elend hängenden Mörders entstand ein Tumult unter den Spöttern und sie suchten Steine und wollten ihn am Kreuze steinigen. Der Hauptmann Abenadar aber wehrte ab, ließ sie auseinandertreiben und stellte Ordnung und Ruhe her.

Es kam ein ungemeines Erschrecken über Menschen und Tiere, das Vieh brüllte und lief von dannen, die Vögel suchten sich Schlupfwinkel und fielen scharenweise auf die Hügel um den Kalvarienberg nieder, man konnte sie mit Händen greifen. Die Spötter begannen zu schweigen, die Pharisäer versuchten noch, alles natürlich zu erklären. Es gelang ihnen aber schlecht und auch sie wurden von einer inneren Angst befallen. Alle Menschen schauten zum Himmel empor. Viele schlugen sich an die Brust, rangen die Hände und schrieen: "Sein Blut komme auf seine Mörder." Manche in der Ferne und Nähe warfen sich auf die Knie und baten Jesus um Verzeihung und Jesus wendete in seinen Schmerzen die Augen zu ihnen.

Während die Finsternis immer mehr zunahm und alles nach dem Himmel schaute und das Kreuz, außer von Jesu Mutter und den nächsten Freunden, verlassen stand, richtete Dismas, der in tiefer Reue versunken gewesen war, in demütiger Hoffnung sein Haupt auf zu Jesus und sprach: "Herr, lasse mich an einen Ort kommen, wo du mich erlösen magst, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst." Da sprach Jesus zu ihm: "Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein." Da blickte der Herr seine liebe Mutter gar ernst und mitleidig an und wendete seine Augen zu Johannes und sagte zu ihr: "Frau, sieh, das ist dein Sohn; er wird noch mehr dein Sohn sein, als wenn du ihn geboren hättest." Er lobte auch noch Johannes und sagte: "Er ist immer arglos glaubend gewesen und hat sich nicht geärgert, außer damals, da seine Mutter ihn wollte erhöht haben." Zu Johannes aber sagte er: "Sieh, das ist deine Mutter." Und Johannes umarmte die Mutter Jesu, die nun auch seine Mutter geworden war, ehrerbietig, wie ein frommer Sohn, unter dem Kreuz des sterbenden Erlösers.

Es war nun ungefähr halb zwei und ich wurde in die Stadt geführt, zu sehen, wie es dort hergehe. Ich fand eine allgemeine Angst und Bestürzung, Nebel und Nacht lagen in den Straßen, die Menschen tappten verwirrt umher, viele lagen in Winkeln mit verhülltem Haupt und schlugen an die Brust, viele schauten nach dem Himmel und standen auf den Dächern und wehklagten. Es sammelten sich auch einige Haufen auf den öffentlichen Plätzen. Pilatus in seinem Palaste ließ die Ältesten aus den Juden rufen und fragte sie, was ihnen diese Finsternis bedeute, er halte sie für ein drohendes Zeichen, ihr Gott scheine über sie zu zürnen, dass sie den Galiläer mit Gewalt zum Tode begehrt, der gewiss ihr Prophet und König gewesen sei, er habe seine Hände gewaschen in Unschuld. Sie aber blieben hartnäckig, legten alles als eine gewöhnliche Naturerscheinung aus und bekehrten sich nicht. Jedoch hie und da bekehrten sich viele Leute, und zwar auch alle jene Soldaten, die gestern bei der Gefangennahme Jesus am Ölberg gefallen und wieder aufgestanden waren.

Auf Golgatha machte die Finsternis einen wunderbar fürchterlichen Eindruck, das gräuliche Toben und Martern, das Geschrei und die fluchende Tätigkeit bei der Kreuzaufrichtung, die Anknebelung und das Gebrüll der beiden Schächer, das Höhnen und Umherreiten der Pharisäer, der Wechsel der Soldaten, das lärmende Abziehen der berauschten Henker, hatten im Anfang der Verfinsterung den Eindruck zerstreut; und dann folgte die Strafrede des reumütigen Dismas und die Wut der Pharisäer gegen ihn. Nun aber wuchs die Finsternis, die Zuschauer wurden ernster und vom Kreuze abgewendeter. Da empfahl Jesus seine Mutter dem Johannes, und sie ward hierauf aus dem Kreise hinausgebracht.

Es trat jetzt eine dumpfe Pause ein, das Volk war bange bei der zunehmenden Finsternis, die meisten schauten zum Himmel, in vielen regte sich das Gewissen, manche wendeten die Augen reumütig zum Kreuze, viele schlugen an die Brust und bereuten, die Gleichgesinnten zogen sich nach und nach zusammen, die Pharisäer, heimlich bang, erklärten alles noch natürlich, aber ihre Reden wurden immer kleinlauter und verstummten endlich fast ganz. Hie und da stießen sie wohl noch ein freches Wort aus, aber es machte sich sehr gezwungen.

Um das Kreuz war es still, alles war abgewendet, viele Leute flohen zur Stadt. Der gekreuzigte Heiland war mit dem Gefühl der tiefsten Verlassenheit in seiner unendlichen Marter, seine Feinde liebend und für sie betend, zu seinem himmlischen Vater gewendet. Er betete wie während seines ganzen Leidens, stets in Psalmenstellen, die nun an ihm in Erfüllung traten. Ich sah Engelsgestalten um ihn. Als die Dunkelheit aber zunahm und die Angst drückend auf allen Gewissen und dumpfe Stille über allem Volke lag, sah ich Jesus ganz einsam und trostlos hängen. Er litt alles, was ein armer, gepeinigter, zermalmter Mensch in der größten Verlassenheit, ohne menschlichen und göttlichen Trost leidet, wenn der Glaube, die Hoffnung, die Liebe ganz einsam, ohne Erwiderung und Genuss, ohne alles Licht, nackt und ausgeleert in der Wüste der Prüfung stehen und mit unendlicher Marter allein von sich selbst leben.

Er ist nicht auszusprechen, dieser Schmerz. In diesem Leiden errang uns der liebende Jesus die Kraft, in dem äußersten Elende der Verlassenheit, wenn alle Bande und Beziehungen, mit jenem Dasein und Leben, jener Welt und Natur aufhören, in denen wir hienieden stehen. Er errang uns die Verdienste des Bestehens im äußersten Kampfe gänzlicher Verlassenheit und opferte sein Elend, seine Armut, seine Pein, seine Verlassenheit für uns elende Sünder auf, so dass der mit Jesus im Leibe der Kirche vereinigte Mensch nicht mehr verzweifeln darf in der äußersten Stunde, wenn sich alles verfinstert und alles Leid scheidet und aller Trost. In diese Wüste der inneren Nacht brauchen wir nicht mehr einsam und gefährdet hinabzusteigen. Es gibt keine Wüste, keine Einsamkeit, keine Verzweiflung in letzter Todesnot mehr für den Christen, denn Jesus, der das Licht, der Weg und die Wahrheit ist, ist auch diesen finsteren Weg segnend und alle Schrecken bändigend gewandelt und hat sein Kreuz in der Wüste aufgerichtet.

Die Mutter aber, da sie die Stimme ihres Sohnes hörte, konnte nichts mehr zurückhalten, sie drang wieder zu dem Kreuze hin und Johannes, Maria Kleophä, Magdalena und Salome folgten ihr.

Da nun die Stunde des Herrn gekommen war, rang er mit dem Tode und ein kalter Schweiß drang aus seinen Gliedern. Johannes stand an dem Kreuze und trocknete Jesu Füße mit seinem Schweißtuch. Magdalena lehnte, ganz von Schmerz zermalmt, an der Rückseite des Kreuzes. Die heilige Jungfrau stand zwischen Jesus und des guten Schächers Kreuz, von den Armen der Maria Kleophä und der Salome unterstützt, und sah zu ihrem sterbenden Sohne hinauf. Da sprach Jesus: "Es ist vollbracht!" und richtete das Haupt empor und rief mit lauter Stimme: "Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!"

Es war ein süßer lauter Schrei, der Himmel und Erde durchdrang. Dann senkte er sein Haupt und gab seinen Geist auf, und ich sah seine Seele wie einen leuchtenden Schatten bei dem Kreuze zur Erde hinab in den Kreis der Vorhölle fahren. Johannes und die heiligen Frauen sanken zur Erde auf ihr Antlitz nieder.


Jesus wahrer König - Erlöser und Richter

Als Jesus mit einem lauten Schrei seine allerheiligste Seele aufgab, sah ich diese als eine Lichtgestalt mit vielen Engeln am Fuße des heiligen Kreuzes in die Erde hinabfahren. Ich vermag die Weise, wie dies geschah, nicht auszusprechen. Ich sah den Ort, wo die Seele Jesus hinging, ähnlicher einer Welt, die in drei Bereiche geteilt ist.

Vor der Vorhölle war ein heller und sozusagen grüner und heiterer Raum. Es war dies eine Stätte, in welche ich die vom Fegfeuer Erlösten eintreten sehe, ehe sie zum Himmel geführt werden. Eine Stätte, in welcher sich jene befanden, die einer Erlösung harrten. Sie war mit einer grauen, nebligen Sphäre umgeben und in verschiedene Kreise geteilt. Der Heiland, leuchtend und von den Engeln wie im Triumph geführt, drang zwischen zweien dieser Kreise hindurch, deren Linker die Altväter hinauf zu Abraham, deren Rechter die Seelen von Abraham hinauf zu Johannes dem Täufer umfasste. Jesus drang zwischen beiden hindurch und sie kannten ihn noch nicht. Aber alles erfüllte sich mit Freude und Sehnsucht und es war, als erweiterten sich diese bangen, bedrängten Räume der Sehnsucht. Es drang wie Luft, wie Licht, wie Tau der Erlösung, erquickend durch sie hindurch und das alles war schnell wie das Wehen eines Windes. Der Herr aber drang zuerst zwischen diesen beiden Kreisen in einen nebligen Raum. Dort befanden sich Adam und Eva, die ersten Eltern. Er redete zu ihnen und sie beteten ihn mit unaussprechlichem Entzücken an. Der Zug des Herrn drang nun, von dem ersten Menschenpaare begleitet, links zur Vorhölle der Altväter, welche vor Abraham gelebt. Es war dies eine Art Fegfeuer, denn es waren hie und da böse Geister zwischen ihnen, welche einzelne dieser Seelen mannigfach bedrängten und ängstigten. Die Engel pochten an und befahlen zu öffnen. Es war mir, als riefen die Engel: "Tuet auf die Pforten, öffnet die Tore!"

Und Jesus zog ein im Triumphe und die bösen Geister wichen zurück und schrieen: "Was hast du mit uns, was willst du hier? Willst du uns nun auch kreuzigen?" Die Engel aber banden sie und trieben sie vor sich her. Diese Seelen kannten Jesus nur wenig. Und er verkündigte sich ihnen und sie lobsangen ihm.

Nun wandte sich seine Seele dem Raum zur Rechten zu, der eigentlichen Vorhölle. Vor dieser begegnete ihm die Seele des guten Schächers, die von Engeln begleitet in Abrahams Schoß einging; und die des bösen Schächers, die von bösen Geistern umgeben zur Hölle fuhr. Die Seele Jesu redete beide an und zog sodann, von der Schar der Engel und Erlösten und der vertriebenen bösen Geister begleitet, in den Schoß Abrahams ein. Dieser Raum schien mir höher zu liegen. Es war, als gehe man unter dem Friedhofe und steige dann aus der Erde in die Kirche empor. Die gebundenen bösen Geister sträubten sich und wollten hier nicht durch. Aber sie wurden von den Engeln mit Gewalt hindurchgeführt. Hier waren alle heiligen Israeliten, so die Patriarchen, Moses, die Richter, die Könige, die Propheten und alle Vorfahren Jesu und ihre Verwandten bis auf Joachim, Anna, Josef, Zacharias, Elisabeth und Johannes. Hier in diesem Raum waren keine bösen Geister und keine Qual, nur die Sehnsucht nach der Verheißung, und diese war jetzt erfüllt. Eine unaussprechliche Wonne und Seligkeit durchdrang all die Seelen, welche den Erlöser begrüßten und anbeteten.

Die gefesselten, bösen Geister aber mussten gezwungen ihre Schmach vor ihnen bekennen. Viele der Seelen wurden emporgesandt, ihre Leiber aus den Gräbern zu erheben und in diesen sichtbar Zeugnis vor dem Herrn zu geben. Dieses war die Zeit, als so viele Tote aus ihren Gräbern in Jerusalem hervorgingen. Sie erschienen mir wie wandelnde Leichen. Sie legten ihre Leiber wieder zur Erde, wie ein Gerichtsbote seinen Amtsmantel ablegt, wenn er die Befehle seiner Obrigkeit vollzogen hat. Ich sah nun den Triumphzug des Heilandes wieder in eine tiefere Sphäre eindringen. Dort befanden sich fromme Heiden, welche die Wahrheit geahnt und sich nach ihr gesehnt hatten. Es waren böse Geister unter ihnen denn sie hatten Götzenbilder. Ich sah die bösen Geister dazu gezwungen, ihren Trug zu bekennen, und ich sah die Seelen mit tiefer Freude dem Heiland huldigen. Es wurden aber auch hier die Teufel gefesselt und weitergetrieben.

Endlich sah ich den triumphierenden Erlöser mit großem Ernst, dem Kern des Abgrundes, der Hölle nahen. Sie erschien mir in Form eines unübersehbar großen, schrecklichen, schwarzen metallglänzenden Felsenbaues, dessen Eingang ungeheure, furchtbare, schwarze Tore mit Riegeln und Schlössern bildete. Sie erregten Grausen. Gebrüll und Geschrei des Entsetzens wurden vernommen. Die Tore wurden aufgestoßen und es erschien eine grauenhafte, finstere Welt. So wie ich die Wohnungen der Seligen in Gestalt des himmlischen Jerusalems als eine Stadt und als verschiedenartige Schlösser und Gärten voll wunderbarer Früchte und Blumen zu sehen pflegte, sah ich auch hier alles in Form einer zusammenhängenden Welt in Gestalt von mannigfachen Gebäuden, Räumen und Gefilden. Aber alles ging aus dem Gegensatz der Seligkeit, aus Pein und Qual hervor. Wie im Aufenthalte der Seligen alles nach den Gründen und Verhältnissen des unendlichen Friedens, der ewigen Harmonie und Genugtuung geformt erscheint, so hier alles in den Missverhältnissen des ewigen Zornes, der Uneinigkeit und der Verzweiflung. Wie im Himmel unaussprechlich schöne, durchsichtige, mannigfache Gebäude der Freude und der Anbetung, so hier ebenso unzählig finstere Kerker und Höhlen der Qual, des Fluches, der Verzweiflung. Wie dort die wunderbarsten Gärten, voll von Früchten der göttlichen Erquickung, so hier die grässlichsten Wüsten, Sümpfe voll Qual und Pein und allem, was Gräuel, Ekel und Entsetzen erregen kann. Ich sah Tempel und Altäre, Schlösser und Throne, Gärten und Seen, Ströme des Fluches, des Hasses, des Gräuels, der Verzweiflung und der Verwirrung, der Pein und der Marter, wie im Himmel des Segens, der Liebe und der Eintracht, der Freude und der Seligkeit. Hier die zerreißende, ewige Uneinigkeit der Verdammten, wie dort die selige Gemeinschaft der Heiligen. Alle Wurzeln der Verkehrtheit, Unwahrheiten waren hier in unzähligen Erscheinungen und Werken der Qual und der Pein ausgebildet. Nichts war recht hier. Kein Gedanke beruhigend als der ernste Gedanke der göttlichen Gerechtigkeit, dass jeden Verdammten die Qual und Pein ergriff, die durch seine Schuld entstanden war. Denn alles Schreckliche, was hier erschien und geschah, war das Wesen, die Gestalt und der Ingrimm der entlarvten Sünde der Schlange. Es ist dies alles wohl zu verstehen, aber im Einzelnen unaussprechlich.

Als die Tore von den Engeln aufgestoßen waren, sah man in ein Gewühl von Widersetzen, Flüchen, Schimpfen, Heulen und Wehklagen. Ich sah, dass Jesus die Seele des Judas anredete. Einzelne Engel warfen ganze Scharen von bösen Geistern nieder. Alle mussten Jesus erkennen und anbeten und dieses war ihnen die furchtbarste Qual. Eine große Menge wurde in einen Kreis um andere herum gefesselt, welche dadurch mitgebunden wurden. In der Mitte war ein Abgrund von Nacht. Luzifer ward gefesselt in diesen geworfen und es brodelte schwarz um ihn. Es geschah dies alles nach bestimmten Gesetzen. Ich hörte, dass Luzifer, wenn ich nicht irre, 50 oder 60 Jahre vor dem Jahre 2000 nach Christus wieder eine Zeitlang freigelassen werden sollte. (Viele andere Zahlenbestimmungen weiß ich nicht mehr.) … Einige andere sollten früher zur Strafe und Versuchung freigelassen werden.

Auszüge aus dem Buch "Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi" nach den Schauungen / Visionen der gottseligen Anna Katharina Emmerich - Erhältlich in der Dombuchhandlung, Frauenplatz 14a, 80331 München


Jesus Christus: Zweite göttliche Person; jedoch zwei Naturen ...



Aufopferungsgebet

HIMMLISCHER VATER,
WIR VERTRAUEN DIR UND OPFERN DIR
DIE VEREINTEN HERZEN JESU UND MARIENS,
DIE SIEGREICHEN, BLUTENDEN WUNDEN JESU
UND DIE TRÄNEN UNSERER HIMMLISCHEN MUTTER AUF.
HERR DEIN WILLE GESCHEHE.



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