Heiliger Pfarrer von Ars Johann Baptist Maria Vianney


Die Mutter des hl. Pfarrers von Ars

Die Mutter des heiligen Pfarres von Ars war die wichtigste Bezugsperson in seinen ersten Lebensjahren. Später sagt Johannes Maria von Vianney über sie:

"Wenn ich so beten gelernt habe, dann verdanke ich es nach Gott meiner Mutter. Sie war eine kluge Frau. Wie leicht strahlt doch das Tugendleben der Mutter auf die Kinder aus. Ein Kind, dem das Glück zuteil wird, eine gute Mutter zu haben, kann nicht zu ihr emporschauen und an sie denken, ohne tief gerührt zu sein."




Unverwest - Unversehrt
Der unverweste/unversehrte Leib des hl. Pfarrers von Ars - Johannes Maria Vianney (1786 - 1859)




Johannes Baptist Maria Vianney wurde 1815 zum Priester geweiht. Er machte mit seinem liebenswürdigen Charakter, seiner tiefen Demut und Güte, mit seinem unermüdlichen Seeleneifer aus Ars (Frankreich) eine blühende Pfarrei. Seine übernatürlichen Gnadengaben (Unterscheidung der Geister, Prophezeiungen, Krankenheilungen...) führten zu regelrechten Pilgerströmen. Er widmete sich durch herzergreifende Predigten und auch durch das viele Stunden andauernde Beichthören im Beichtstuhl Tag und Nacht für die Bekehrung und das Seelenheil gar Vieler; dies mit nur wenig Nahrung und Schlaf und vielen anderen Entsagungen, Bußübungen bzw. Abtötungen, um dem Heiland nachzufolgen und in seiner großen Liebe zu den Menschen. In seiner großen Demut führte der Pfarrer von Ars die wunderbaren Erfolge in seiner Pfarrei wesentlich auch auf das Wirken und die Fürbitten der hl. Philomena zurück, die er sehr verehrte.

Bereits 1905 wurde dieser von einer außerordentlich tiefen Gottesliebe und reiner Herzensliebe entflammte und zum Seelenheil Vieler wirkende Pfarrer von Ars v. hl. Papst Pius X. selig gesprochen und 1925 v. Papst Pius XI heilig gesprochen.

1929 wurde der Pfarrer Johannes Baptist Maria Vianney zum Patron der Pfarrer erhoben.

Der Leichnam des Johannes Baptist Maria Vianney ist unverwest.





Predigt des Pfarrers Johann Baptist Maria Vianney über:
Das Jüngste Gericht


Entnommen aus:

Predigten auf die Sonn- und Festtage.
Von dem ehrwürdigen Diener Gottes Johann Baptist Maria Vianney, Pfarrer von Ars.
Aus dem Französischen übersetzt von J. Firnstein, Benefiziat in Ebrantshausen
Autorisierte Ausgabe.
Mit Approbation Sr. Eminenz Kardinals Caverot, Erzbischofs von Lyon und des hochwürdigsten Ordinariats Regensburg.

Erster Band. Vom 1. Adventsonntag bis zum Karfreitag.

Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz.
1884.


Approbation.

Erzbistum Lyon.
Wir approbieren gerne das Beginnen der Geistlichen von Lyon, das Manuskript der Predigten des ehrwürdigen Dieners Gottes J. B. M. Vianney, Pfarrers von Ars, in Druck legen zu lassen.
Diese Schrift wird dazu beitragen, den wunderbaren Priester, der eine Zierde unserer Diözese ist, kennen zu lernen; seine Seligsprechung ist dem Urteil der heiligen Kirche unterworfen.
Lyon, 22. August.

L. M. Card. Caverot,
Erzbischof von Lyon.


Vorwort.

Man hat für gut befunden, die Predigten des ehrwürdigen Pfarrers von Ars in dem Augenblicke der Öffentlichkeit zu übergeben, in welchem der hochwürdigste Herr Bischof von Belley mit so großem Eifer die Seligsprechung desselben am Römischen Hofe betreibt. Die Manuskripte liegen bereits der Ritenkongregation zur Prüfung vor.

Nach dem Zeugnisse eines seiner Freunde hätte er diese Predigten in den ersten Jahren seiner Seelsorgetätigkeit, zwischen 1817 und 1827, verfasst, vor den großen Unterbrechungen, die ihm die Menge der ihn besuchenden Pilger verursachte.

Welches waren die gewöhnlichen Quellen, aus denen er schöpfte? - Nach den von der Hand des Verehrungswürdigen am Rande angebrachten Bemerkungen müssen wir bei aufmerksamem Studium der Manuskripte schließen, dass er vorzüglich die heilige Schrift, einen Grundriss der Theologie, das Leben der Heiligen von Ribadeneyra, das Leben der Väter der Wüste, manche Auszüge aus den heiligen Vätern, die Kirchengeschichte, die christliche Vollkommenheit von Rodriguez und die Werke des P. Lejeune zu Rate zog.

"M. Vianney," sagt sein Biograph, Herr P. Monnin, "schrieb lange Zeit seine Sonntagspredigten auf; er gestand, dass diese Arbeit ihm viel Mühe und unerhörte Anstrengung verursachte; sie gehörte zu seinen schwersten Abtötungen. Er arbeitete daran ohne Unterlass, verwendete die Nächte darauf, schloss sich in seine Sakristei ein und schrieb bisweilen sieben Stunden lang, ohne auszusetzen."

Allein da er es für wichtiger hielt, seine Zuhörer zu unterrichten und zu erbauen, als ein gelehrtes Werk zu schreiben, so sah er seine Predigten nur selten mehr durch. Seine Demut erlaubte ihm ja den Gedanken an eine spätere Bewunderung und Herausgabe derselben nicht. Er hätte sich übrigens bei Lebzeiten auch nie zum Drucke derselben herbeigelassen, ohne sie vorher einer strengen Korrektur zu unterwerfen und dem kirchlichen Lehramte zur Prüfung zu unterbreiten, wie er dies einmal einem geistlichen Freunde gegenüber mit energischer Entschiedenheit erklärte, als man versuchte, sich einige Predigten von ihm zu verschaffen, um sie der Öffentlichkeit zu übergeben. Ohne Aufforderung von Seiten seiner Oberen wären dieselben niemals veröffentlicht worden.

In dieser Absicht und auf solche Anregung hin haben wir, um es unumwunden zu gestehen, ansehnlichen Fleiß auf diese Manuskripte verwendet. Orthographie und Unterscheidungszeichen wurden korrigiert, dagegen Spracheigenheiten und Verstöße gegen die Sprachreinheit, deren sich der ehrwürdige Pfarrer im heimischen Kreise bediente, um seinen Gedanken mehr Nachdruck zu verleihen, wurden beibehalten. Gar manche Sätze waren nicht ausgeschrieben; hier ergänzte man entweder die fehlenden Wörter in Klammern oder zeigte, wo der wahre Sinn nicht zu erkennen war, die Auslassung durch Punkte an. Dunkle, zweifelhafte oder unbestimmte Stellen fanden in Anmerkungen am Schlusse eines jeden Bandes ihre Erläuterung.1 Kurz, man vermied gewissenhaft alles, was den Gedanken des Autors irgendwie hätte beeinträchtigen können.

Die Sammlung ist leider nicht vollständig; eine große Zahl von Reden ging verloren oder wurde vernichtet; wären sie uns alle erhalten geblieben, so würde diese Ausgabe um zwei Bänder reicher werden und würde noch mehr die lange und ausdauernde Arbeit bewundern lassen, welcher sich der Diener Gottes unermüdlich und unverdrossen unterzog.

Aber auch die vorhandenen zeigen hinlänglich, wie genau der heiligmäßige Seelsorger seine Pfarrkinder kannte, wie sorgfältig er sie in der Religion unterrichtete, wie apostolisch freimütig er ihre Fehltritte geißelte: sie zeigen jene lebhafte, feurige, hinreißende Beredsamkeit, welche die Heiligen aus der unversiegbaren Quelle des Herzens Jesu zu schöpfen verstehen.

Sie werden auch beitragen, den Heiligen in einem neuen Lichte erscheinen zu lassen. Viele Leute, die überall gleich Wunder wittern, haben ihm bisher die natürlichen Gaben beinahe ganz abgesprochen, um Übernatürliches in einem mehr als eminenten Grade ihm zuzuschreiben. Zweifelsohne wurden ihm außerordentliche Gnaden am Ende seines Lebens in unumschränkter Fülle zu teil; aber es geschah das nicht seiner Geschicklichkeit zu lieb, welche das von Gott ihm verliehene bescheidene Talent fruchtbar zu machen verstand. Gleich anfangs hatte er die freien Stunden seiner ersten Dienstjahre mit Treue und Gewissenhaftigkeit angewendet, indem er die Fähigkeiten seines Geistes übte, der noch wenig gebildet war, dem es aber weder an Schärfe, noch an Gedächtniskraft, noch an Beobachtungsgabe fehlte. Zum Lohne seines unermüdlichen Strebens hatte er sich die wahre Wissenschaft eines Seelenhirten angeeignet; Gott aber entschädigte ihn später dafür, als die täglich zunehmende Schar von Pilgern ihm zum Studieren und Schreiben keine Zeit mehr ließ, mit Gaben höherer Art.2

Die Vorsehung wollte die Diözese Belley wieder aufrichten und hatte dazu von langer Hand die Grundpfeiler vorbereitet. Es waren weise und fromme Bischöfe, deren Andenken Klerus und Volk segnete. Dazu gehörte auch eine Reihe demütiger, arbeitsamer und eifriger Priester. Den ersten Rang unter diesen nimmt der ehrwürdige Pfarrherr von Ars ein, und keiner rechtfertigte besser als er das Wort der Schrift: "Die Lippen des Priesters sollen die Weisheit des Heiles hüten und aus seinem Munde soll man die Satzungen des Herrn vernehmen."

Möge Se. Eminenz der Kardinal, welcher mit so großem Eifer die Diözese Lyon regiert, sich
herablassen, dem Werke, das wir ehrfurchtsvoll ihm unterbreiten, seine Genehmigung zu erteilen. Zwar steht Ars nicht mehr unter seiner Jurisdiktion; diese aber erstreckt sich über die Pfarrei, wo die Wiege des ehrwürdigen Dieners Gottes gestanden, und über die Pfarrei, wo M. Vianney die ersten Dienstverrichtungen unter der Leitung eines heiligen Priesters machte; und endlich ist es die erzbischöfliche Stadt, wo diese Manuskripte gewissenhaft aufbewahrt wurden.

Lyon, 4. August 1882, im 23. Jahre nach dem Tode des ehrwürdigen Dieners Gottes.



1 In dieser deutschen Übersetzung sind die betreffenden Anmerkungen an Ort und Stelle in Kleindruck angebracht.

2 Wenn wir hier von diesen übernatürlichen Vorzügen reden, so versteht es sich wohl von selbst, dass wir in dieser Abschätzung rein unsere persönliche Ansicht aussprechen und dass es uns nicht einfällt, den Entscheidungen des Römischen Hofes über die Tugenden und die Schriften des ehrwürdigen Pfarrers von Ars irgendwie vorgreifen zu wollen.



I. Adventsonntag.
Das Jüngste Gericht.


"Tunc videbunt filium hominis venientem cum potestate magna et majestate."
"Dann werden sie den Sohn Gottes mit großer Macht und furchtbarer Majestät, umgeben von Engeln und Heiligen, kommen sehen." Luc. XXI, 27 (Luk 21, 27).

"Nicht ein Gott, bekleidet mit unseren Schwächen, verborgen im Dunkel eines armseligen Stalles, gebettet in eine Krippe, gesättigt mit Spott und Hohn, niedergebeugt unter der schweren Last seines Kreuzes; sondern, meine Brüder, ein Gott, bekleidet mit dem vollem Glanze seiner Macht und Majestät lässt seine Ankunft durch die erschreckendsten Wunderzeichen, nämlich durch die Verfinsterung der Sonne und des Mondes, durch das Herabfallen der Sterne und durch einen ganzen Umsturz der Natur ankünden. Nicht ein Erlöser mit der Sanftmut eines Lammes kommt, um von den Menschen gerichtet zu werden und sie zu erkaufen; sondern ein gerechterweise erzürnter Richter, der die Menschen richtet in der ganzen Strenge seiner Gerechtigkeit. Nicht ein liebender Hirt kommt, um die verirrten Schäflein aufzusuchen und zu begnadigen; sondern ein rächender Gott will für immer die Sünder von den Gerechten scheiden, den Bösen seine schreckliche Rache fühlen lassen und die Gerechten mit einem Strome von Süßigkeiten berauschen. Schrecklicher Augenblick, furchtbarer Augenblick, wann wirst du kommen? Ach unglücklicher Augenblick! Vielleicht vernehmen wir in einigen Tagen die Vorboten dieses für den Sünder so schrecklichen Gerichtes! O ihr Sünder, erhebet euch aus dem Grabe eurer Sünden, tretet hin vor den Richterstuhl Gottes, lasset euch unterrichten über die Behandlung, welche dem Sünder widerfahren wird! Der Gottlose in dieser Welt scheint die Macht Gottes in Abrede stellen zu wollen indem er sieht, wie die Sünder straflos ausgehen; ja er erkühnt sich zu sagen: Nein, nein, es gibt keinen Gott, es gibt keine Hölle; oder wohl auch: Gott gibt nicht acht auf das, was hier auf Erden vorgeht. Aber warten wir nur das Gericht ab; an diesem großen Tage wird Gott seine Macht offenbaren und allen Nationen zeigen, dass er alles gesehen und in Rechnung gebracht hat.

Welch ein Unterschied, meine Brüder, im Vergleiche mit den Wundern, die er bei der Schöpfung der Welt wirkt! Die Wasser, spricht der Herr, sollen die Erde bewässern und befruchten: und im nämlichen Augenblicke bedecken die Wasser die Erde und verleihen ihr Fruchtbarkeit. Aber wann er kommen wird, um die Welt zu zerstören, dann wird er dem Meere befehlen, seine Schranken zu überschreiten mit so schauerlichem Ungestüm, dass es in seiner Wut das Weltall verschlingen wird. Als Gott den Himmel schuf, befahl er den Sternen, am Firmament Platz zu nehmen. Auf sein Wort erhellte die Sonne den Tag und der Mond beherrschte die Nacht. Aber an diesem letzten Tage wird die Sonne sich verdunkeln und Mond und Sterne werden keinen Schein mehr geben. Alle diese wunderbaren Gestirne werden unter schrecklichem Getöse vom Himmel fallen.

Welch ein Unterschied, meine Brüder! Auf die Schöpfung der Welt verwendete Gott sechs Tage; aber zu ihrer Zerstörung wird ein Augenblick genügen. Zur Schöpfung der Welt und alles dessen, was sie umgibt, rief Gott niemand herbei als Zuschauer und Bewunderer; aber bei der Zerstörung werden alle Völker gegenwärtig sein, alle Nationen werden bekennen, dass es einen Gott gibt und dass er allmächtig ist. Kommet ihr gottlosen Spötter, kommet ihr ungläubigen Grübler, überzeuget euch und bekennet, dass es einen Gott gibt, dass er ganz durchschaut eure Handlungen, dass er allmächtig ist! O mein Gott! Wie wird in diesem Augenblicke der Sünder seine Sprache ändern! welch ein Bedauern! O welch eine Reue über den Verlust einer so kostbaren Zeit! Aber es ist zu spät; alles ist zu Ende für den Sünder, alles ist hoffnungslos! O, wie schrecklich wird dieser Augenblick sein! Der heilige Lukas sagt, dass die Menschen vor Furcht verschmachten werden beim Gedanken an das Unglück das ihnen bevorsteht. Ach, meine Brüder, man könnte schon vergehen vor Furcht und sterben vor Schrecken beim Gedanken an ein Unglück, das tausendmal geringer ist als das welches dem Sünder bevorsteht und ganz gewiss ihn auch trifft, wenn er fortfährt in der Sünde zu leben.

Meine Brüder! Wenn in diesem Augenblicke, in dem ich daran gehe, zu euch über das Gericht zu reden, vor dem wir alle erscheinen werden, um über all das Gute und Böse, das wir vollbracht haben, Rechenschaft abzulegen, um dafür unser endgültiges Urteil zu vernehmen, das auf Himmel oder Hölle lautet, wenn jetzt ein Engel erschiene und euch im Auftrage Gottes ankünden würde, dass in vierundzwanzig Stunden die ganze Welt durch einen Regen von Feuer und Schwefel in Feuer sich auflösen würde; wenn ihr schon vernähmet das Rollen des Donners; wenn die Wut der Gewitter eure Häuser niederrisse; wenn die Blitze sich so vervielfältigten, dass das Weltall nur mehr eine Feuerkugel wäre, und wenn die Hölle bereits alle ihre Verdammten ausspie, die mit ihrem Geschrei und Geheul alle Ecken der Welt erfüllten; und wenn das einzige Mittel, all diesem Unheil zu entgehen, darin bestände, die Sünde zu verlassen und Buße zu tun: Könntet ihr, meine Brüder, all diese Menschen anhören ohne Ströme von Tränen zu vergießen und um Erbarmen zu rufen? würdet ihr euch nicht am Fuße des Altares niederwerfen und um Barmherzigkeit flehen? O Verblendung, o unbegreifliches Unglück des sündigen Menschen! Die Übel, welche euer Seelsorger euch ankündigt, sind noch tausendmal schrecklicher und geeignet, euch zu Tränen hinzureißen und eure Herzen zu zerfleischen.

Sehet, diese so schrecklichen Wahrheiten sind ja ebenso viele Urteilssprüche, welche ohne Weiteres eure ewige Verdammung verkünden. Aber das größte all dieser Übel besteht darin, dass ihr gefühllos seid, dass ihr in der Sünde fortlebet und dass ihr eure Torheit erst in jenem Augenblicke einsehet, wenn ihr kein Rettungsmittel mehr habet. Noch ein Augenblick, und dieser Sünder, der ruhig in der Sünde dahinlebte, wird gerichtet und verdammt; noch ein Augenblick, und er wird seine Reue mit hinübernehmen in die Ewigkeit. Ja, meine Brüder, wir werden gerichtet. Nichts ist sicherer; gewiss, wir werden gerichtet ohne Barmherzigkeit; und, wir werden es ewig bereuen, gesündigt zu haben.


I.
Wir lesen in der Heiligen Schrift, meine Brüder, dass Gott, so oft er irgend eine Geißel über die Welt oder seine Kirche schickte, jedes Mal irgendein Zeichen vorhergehen ließ, um den Leuten Furcht einzujagen und sie zu veranlassen, seine Gerechtigkeit zu erweichen. Als er die ganze Erde durch die Wasserflut zerstören wollte, da war Noas Arche, an welcher er hundert Jahre baute, ein Mahnzeichen, die Menschen zur Buße zu führen, ohne welche sie alle zu Grunde gehen mussten. Der Geschichtsschreiber Josephus berichtet uns, dass vor der Zerstörung der Stadt Jerusalem lange Zeit hindurch ein Komet in Gestalt eines Schwertes sichtbar war, der Bestürzung in der Welt verursachte. Jedermann frug sich: was wird wohl dies Zeichen bedeuten? Etwa ein großes Unglück, das Gott uns schicken will? Der Mond stand acht Nächte am Himmel, ohne ein Licht zu geben; schon zitterten die Leute für ihr Leben: da erschien auf einmal ein unbekannter Mensch, welcher drei Jahre lang ohne Unterlass in den Straßen Jerusalems Tag und Nacht schrie: Wehe Jerusalem! Wehe Jerusalem! ... Man arretierte ihn, man gab ihm Rutenstreiche, um ihn vom Schreien abzuschrecken: nichts vermochte ihn zurückzuhalten. Am Schlusse der drei Jahre schrie er: Wehe Jerusalem! ach, wehe mir! Im selben Augenblicke traf ihn ein mit einer Maschine geschleuderter Stein und tötete ihn. Alsbald brachen all die Übel, welche dieser Unbekannte angedroht hatte, über Jerusalem herein. Die Hungersnot wurde so groß, dass Mütter ihre Kinder töteten und als Speise sich zubereiteten; die Einwohner töteten einander ohne zu wissen warum; die Stadt wurde eingenommen und dem Erdboden gleich gemacht; die Straßen und die Plätze waren alle mit Leichnamen bedeckt; das Blut floss in Strömen; die wenigen, welche ihr Leben retteten, wurden als Sklaven verkauft.

Da aber der Tag des Gerichtes der schrecklichste und entsetzlichste von allen, die je gewesen sind, sein wird, so wird er durch so schauerliche Zeichen eingeleitet werden, dass ihr Schrecken bis in die Tiefe der Abgründe dringt. Unser Herr hat uns gesagt, dass in jenem für die Sünder so unglücklichen Augenblicke die Sonne kein Licht mehr geben, dass der Mond einer blutigen Masse gleichen wird und dass die Sterne vom Himmel fallen werden. Die Luft wird in so hohem Grade mit Blitzen angefüllt werden, dass sie ganz ein Feuer sein wird, und man wird die Donnerschläge vernehmen, deren Rollen so schauerlich sein wird, dass die Menschen vor Schrecken verschmachten werden. Die Winde werden so stürmisch sein, dass ihnen nichts widerstehen kann. Bäume und Häuser werden in den Strudel des Meeres fortgerissen; das Meer selbst wird von den Stürmen so gepeitscht, dass seine Fluten vier Ellen über die höchsten Gebirge sich erheben und so tief hinabstürzen, dass die Schrecken der Hölle sichtbar werden; alle Kreaturen, selbst die leblosen scheinen bersten zu wollen, um beim Anblicke der Verbrechen, womit die Menschen die Erde besudelt und entstellt haben, der Gegenwart ihres Schöpfers zu entgehen.

Die Wasser des Meeres und der Flüsse werden wie Öl in den Gluten aufbrodeln; Bäume und Pflanzen werden Ströme von Blut ausschwitzen; die Erdbeben werden so gewaltig sein, dass man sieht, wie die Erde nach allen Seiten hin sich spaltet; der größte Teil der Bäume und der Tiere stürzen in den Abgrund, die Menschen, die noch übrig bleiben, werden wie wahnsinnig; Felsen und Berge werden unter furchtbarem Krachen in die Tiefe stürzen. Nach all diesen Schrecken wird das Feuer an den vier Enden der Welt auflodern, und zwar ein so heftiges Feuer, dass es die Steine, Felsen und Erde verzehren wird wie einen Strohhalm, den man in den Schmelzofen wirft. Die ganze Welt verwandelt sich in Asche: Diese Erde, welche durch so viele Verbrechen besudelt worden ist, muss durch das Feuer gereinigt werden, welches der Zorn des Herrn, eines gerechterweise aufgebrachten Gottes, anzündet.

Sobald diese mit so viel Verbrechen bedeckte Erde gereinigt ist, meine Brüder, schickt Gott seine Engel ab, damit sie mit der Posaune an den vier Ecken der Welt blasen und den Toten zurufen: Erhebet euch, ihr Verstorbenen, gehet aus euren Gräbern hervor, erscheinet unverzüglich zum Gerichte! Sofort werden alle Toten, Gute und Böse, Gerechte und Sünder die nämliche Gestalt annehmen, welche sie ehedem hatten; das Meer wird alle in seinem Abgrunde aufgenommenen Leichen ausspeien, die Erde alle seit Jahrhunderten in ihrem Schoße geborgenen Leichen herausgeben. Nach dieser Umwälzung werden alle Seelen der Heiligen umstrahlt von Glorie vom Himmel herniedersteigen, jede Seele wird ihrem Körper sich nähern und ihn hunderttausendmal willkommen heißen. Komme, wird sie zu ihm sagen, komme, du Gefährte meiner Leiden! ja, du hast dich bemüht Gott zu gefallen, hast in Leiden und Kämpfen dein Glück gesucht: o welche Güter stehen uns bereit! Schon über tausend Jahre genieße ich dies Glück; o wie freut es mich, so große Güter, die für eine Ewigkeit uns ausersehen sind, dir ankünden zu können! Kommet ihr gesegneten Augen, die ihr so oft euch dem Anblicke unreiner Gegenstände, aus Furcht die Gnade eures Gottes zu verlieren, geschlossen habet, kommet in den Himmel, wo ihr nur Schönheiten sehen werdet, die man auf Erden vergebens sucht. Willkommen meine Ohren, die ihr vor unreinen und verleumderischen Worten und Unterhaltungen Abscheu hattet; willkommen, ihr dürfet im Himmel der himmlischen Musik lauschen, die euch in beständige Entzückung versetzen wird. Willkommen meine Füße und meine Hände, die ihr so oft darauf bedacht wart, Unglücklichen Trost zu bringen; lasset uns nun in diesem schönen Himmel lustwandeln, wo wir unseren liebenswürdigen und liebreichen Erlöser, der uns so sehr geliebt hat, schauen werden. Dort werdet ihr Den sehen, der so oft in eurem Herzen Wohnung genommen.

Dort werden wir diese noch vom Blute unseres göttlichen Erlösers gefärbte Hand sehen, durch die er uns so große Freude verdient hat. Kurz, Leib und Seele der Heiligen werden einander tausend und abertausend Mal beglückwünschen, und zwar die ganze Ewigkeit hindurch.

Kaum haben alle Heiligen von ihren in Glorie strahlenden Leibern Besitz genommen, so werden sie mit einer Wonne, die den von ihnen geübten guten Werken und Bußen entspricht, dem Augenblicke entgegensehen, in welchem Gott im Angesichte der ganzen Welt all die Tränen, all die Bußwerke, all das Gute, ohne auch nur das Geringste zu übergehen, das sie während ihres Lebens vollbrachten, offenbaren wird, und sie werden mit der Glückseligkeit Gottes selbst beglückt werden. Sehet, wird Jesus Christus zu ihnen sagen, sehet, ich will, dass die ganze Welt mit Vergnügen sehe, was ihr gearbeitet habet. Die verhärteten Sünder, die Ungläubigen pflegten zu sagen, ich kümmerte mich nicht um das, was ihr zu meiner Ehre vollbrachtet; aber jetzt will ich ihnen zeigen, dass ich all die Tränen, die ihr in entlegenster Einsamkeit weintet, gesehen und gezählt habe; ich will ihnen zeigen, dass ich auf dem Blutgerüste an eurer Seite stand. Kommet alle und zeiget euch vor diesen Sündern, die mich verachtet und beschimpft, die sich erkühnt haben zu leugnen, dass ich existiere und dass ich sie sehe. Kommet, meine Kinder, kommet meine Vielgeliebten und sehet, wie gut ich gewesen bin, wie groß meine Liebe zu euch gewesen ist.

Lasset uns, meine Brüder, einen Augenblick diese unbegrenzte Zahl von gerechten Seelen betrachten, welche in ihre Leiber zurückkehren und dieser Sonne ähnlichen Glanz und Schönheit verleihen. Sehet alle diese Blutzeugen mit der Palme in der Hand! Sehet all diese Jungfrauen mit der Krone der Jungfräulichkeit auf dem Haupte! Sehet alle diese Apostel, alle diese Priester: so viele Seelen sie gerettet haben, so viele Strahlen im Glorienscheine zieren sie. Meine Brüder, alle werden zu Maria, dieser jungfräulichen Mutter, sagen: Wohlan, zeige uns denjenigen, der im Himmel ist, damit er Deiner Schönheit neuen Glanz verleihe! Doch nein, einen Augenblick Geduld; ihr wurdet verachtet, verleumdet und verfolgt von den Gottlosen; es ist billig, dass vor eurem Eintritte in das Himmelreich die Sünder kommen und euch ehrenvolle Abbitte leisten.

Aber, welch schreckliche und furchtbare Umwandlung! ich vernehme die nämliche Posaune, die den Verworfenen zuruft, aus der Hölle hervorzukommen. Kommet ihr Sünder, ihr Peiniger, ihr Tyrannen, wird Gott, der euch alle retten wollte, sagen, erscheinet willig vor dem Richterstuhle des Menschensohnes, vor demjenigen, von dem ihr euch so oft habet eingebildet, dass er euch weder sehe noch höre! Kommet und tretet vor, denn alles was ihr je verbrochen habet, wird im Angesichte der ganzen Welt offenbar werden. Dann wird der Engel rufen: Abgründe der Hölle, öffnet eure Pforten! speiet alle Verdammten aus! ihr Richter ruft sie. Ha, schrecklicher Augenblick! all diese unglücklichen verworfenen Seelen werden, schauerlich wie Dämonen, aus den Abgründen hervorgehen und wie Verzweifelte ihre Leiber aufsuchen. Ha, grauenhafter Augenblick! im nämlichen Augenblicke, in welchem die Seele in ihren Körper fahren wird, wird dieser Körper alle Schrecken der Hölle empfinden. Ach, dieser verfluchte Körper, diese verfluchten Seelen werden tausend und abertausend Mal einander verwünschen. Ach, verfluchter Leib, wird die Seele zum Leibe sagen, der mich in den Kot der Unlauterkeit fortgezerrt und gezogen hat; mehr als tausend Jahre schon leide und brenne ich in der Hölle. Kommet ihr verfluchten Augen, die ihr so oft ein Vergnügen euch daraus machtet, unehrenhafte Blicke auf euch oder andere zu werfen, kommet in die Hölle, um dort die grauenvollsten Ungeheuer zu betrachten. Kommet ihr verfluchten Ohren, die ihr an diesen unreinen Reden und Unterhaltungen so viel Freude zeigtet, kommet, um das Geschrei, Geheul und Gebrüll der Teufel ewig anzuhören. Kommet verfluchte Zunge, verfluchter Mund, die ihr so oft unreine Küsse gegeben und nicht satt geworden seid, eure Sinnlichkeit und Gaumenlust zu befriedigen; kommet in die Hölle; dort werdet ihr nichts als Drachengalle zur Nahrung bekommen. Komm, verfluchter Leib, dem ich so oft nachgegeben; du wirst ewig ausgestreckt werden in einem Pfuhle von Schwefel und Feuer, das durch die Macht und den Zorn Gottes angefacht ist. Ach, wer kann die Verwünschungen fassen und nacherzählen, welche Leib und Seele die Ewigkeit hindurch ausstoßen!

Ja, meine Brüder, dort erwarten alle Gerechten und Verworfenen, die ihre alte Gestalt, d. h. ihre Leiber, so wie wir sie jetzt sehen, angenommen haben, ihren Richter, aber einen gerechten Richter ohne Parteilichkeit, der straft oder belohnt, je nach dem Guten oder Bösen das wir getan. Sehet, dort kommt er, sitzend auf einem Throne, leuchtend von Herrlichkeit, umgeben von allen Engeln; vor ihm geht seine Standarte, das Kreuz. Wie die Verdammten ihren Richter sehen; ach, was sage ich? wie sie denjenigen sehen, der nur erschienen war, um ihnen das Glück des Paradieses zu verschaffen und gegen dessen Willen sie verdammt werden, da werden sie schreien: Berge vertilget uns, raffet uns weg vom Anblicke unseres Richters; Felsen fallet über uns; ach, wir bitten, stürzet uns in die Hölle! Nein, nein, o Sünder, vorwärts, komm', gib Rechenschaft von deinem ganzen Leben. Vorwärts Unglücklicher, der einen so guten Gott so sehr beleidigt hat...

Nein, Sünder, du hast meine Befehle immer verachtet: aber heute will ich dir zeigen, dass ich dein Meister bin. Erscheine vor mir mit all deinen Verbrechen, wovon dein Leben ein ganzes Gewebe bildet. Dann wird der Herr nach dem Berichte des Propheten Ezechiel jenes große wunderbare Buch aufschlagen, in welchem alle Verbrechen der Menschen verzeichnet sind. O welche Menge von Sünden, die niemals vor den Augen der Welt sind offenbar geworden, wird da ans Tageslicht kommen! Ach zittert, die ihr vielleicht seit fünfzehn oder zwanzig Jahren Sünde auf Sünde gehäuft habet. Ach, welch ein Unglück für euch!

Nunmehr wird Jesus Christus, das Buch der Gewissen in der Hand, alle Sünder herbeirufen, um sie mit der Stimme schauerlichen Donners aller Sünden zu überführen, die sie während ihres ganzen Lebens begangen haben. Kommet ihr Schamlosen, wird er ihnen zurufen, tretet näher und leset Tag für Tag: hier alle Gedanken, welche eure Einbildungskraft besudelten, all die schamlosen Begierden, welche euer Herz verdarben; leset und zählet eure Ehebrüche, hier den Ort, die Stunde, wann ihr sie begangen, dort die Person, mit der ihr gesündigt habet. Leset eure Wollust und Geilheit, leset und zählet wie viele Seelen ihr verführt habet, die mir so teuer zu stehen gekommen. Nach mehr als tausend Jahren, als euer Leib längst verfault und eure Seele in der Hölle war, lieferte eure Ausgelassenheit noch Seelen in die Hölle. Sehet ihr diese Frau, die ihr zu Grunde gerichtet, sehet ihr diesen Gatten, diese Kinder und diese Nachbarn! Diese alle verlangen Rache, sie alle klagen euch an, dass ihr sie zu Grunde gerichtet habet und dass sie ohne euch im Himmel sein würden. Kommet ihr Weltfräulein, ihr Werkzeuge des Satan, kommet und leset alle die Sorgfalt und Zeit, die ihr verwendet habet, um euch zu schmücken; zählet die Menge der bösen Gedanken und der sündhaften Begierden, die ihr bei denen hervorgerufen, welche euch gesehen. Sehet ihr all die Seelen, die es laut sagen, dass ihr sie verdorben habet. Kommet ihr Verleumder, ihr Verbreiter falscher Aussagen, kommet und leset hier, wo all eure Verleumdungen, eure Spottreden und Verdächtigungen verzeichnet sind; sehet dort die Feindschaften, die ihr gesät, all das Verderben und Elend, das zunächst euer loses Maul angerichtet hat. Fort ihr Unglücklichen, um in der Hölle das schauerliche Geschrei und Geheul der Dämonen zu vernehmen! Kommet ihr vermaledeiten Geizhälse, leset, und zählet dies Silber und diese vergänglichen Güter, an denen euer Herz mit Verachtung gegen Gott gehangen, und für welche ihr eure Seele zum Opfer gebracht habet. Habt ihre eure Hartherzigkeit gegen die Armen vergessen?

Hier ist sie verzeichnet; leset und zählet sie. Hier ist euer Gold und euer Silber; rufet es jetzt zu Hilfe; saget ihm, dass es euch unter meinen Schutz stelle. Hinweg, Verfluchte, lechzet und hungert in der Hölle! Kommet ihr Rachgierigen, leset und sehet alles, was ihr getan, um dem Nächsten zu schaden, zählet alle Ungerechtigkeiten, zählet all diese hasserfüllten und rachgierigen Gedanken, die ihr in eurem Herzen genährt habet; hinweg ihr Unglücklichen in die Hölle! Halsstarrige, meine Diener haben tausendmal gesagt, dass es keine Verzeihung für euch gibt, wenn ihr nicht den Nächsten liebet wie euch selbst. Ziehet euch zurück von mir, Verdammte, in die Hölle, wo ihr meinem ewigen Zorne zum Opfer fallet, wo ihr erfahren werdet, dass niemand als Gott allein die Rache gebührt. Komme du Trunkenbold, betrachte, wie du das letzte Glas Wein, das letzte Stück Brot deinem Weibe, deinen Kindern aus dem Munde gerissen; hier sind deine Ausschreitungen, erkennest du sie? Sind das wohl die deinigen, oder die deines Nachbars? Hier steht die Zahl der Nächte und Tage, welche du in Schenken an Sonn- und Feiertagen zugebracht hast; hier stehen die unanständigen Worte vom ersten bis zum letzten, welche du in deiner Trunkenheit gesprochen hast; hier all die Beteuerungen, alle die Flüche, welche du ausgestoßen; hier all die Ärgernisse, welche du deiner Frau, deinen Kindern, deinen Nachbarn gegeben. Ja, alles habe ich verzeichnet, alles gezählt. Fort, Unglücklicher, betrinke dich in der Hölle mit der Galle meines Zornes. Kommet ihr Kaufleute, Arbeiter, wessen Standes ihr seid; gebt Rechenschaft bis auf einen Heller von all dem, was ihr gekauft und verkauft habet; kommet, damit wir miteinander untersuchen, ob euer Maß und eure Rechnungen mit den meinigen stimmen? Sehet da, ihr Kaufleute, den Tag, an dem ihr dieses Kind betrogen habet; sehet hier den Tag, an dem ihr euch zweimal für eine und dieselbe Ware bezahlen ließet. Kommet ihr Verunehrer der Sakramente, sehet da alle eure Sakrilegien, eure ganze Heuchelei.

Kommet ihr Väter und Mütter, gebet mir Rechenschaft über die Seelen, die ich euch anvertraut habe; stellet mir Rechnung über alles, was eure Kinder, eure Dienstboten getan haben; sehet da, wie oft ihr ihnen gestattet habet, Orte und Gesellschaften zu besuchen, wo sie sündigten. Sehet da die bösen Gedanken und die sündhaften Begierden, welche eure Tochter verursacht hat; sehet all die Umarmungen und anderen unsittlichen Handlungen; hier die unreinen Gespräche, welche euer Sohn geführt. Aber, Herr, werden die Väter und Mütter sagen, ich habe es ihnen ja nicht befohlen. Gleichviel, wird der Richter entgegnen, die Sünden deiner Kinder sind deine Sünden.3

Wo sind die Tugenden, an die du sie gewöhnt hast? wo die guten Beispiele, die du ihnen gegeben oder die guten Werke, deren Ausübung du ihnen ans Herz gelegt hast? Ach, was wird mit den Vätern und Müttern geschehen, welche ihre Kinder teils zum Tanze, teils zu Spielen und in Kneipen gehen sehen, und darüber sich nicht aufhalten! O der Verbrechen, von denen sie sich in diesen schrecklichen Augenblicken erdrückt sehen! O der geheimen Sünden, welche nun im Angesichte der ganzen Welt geoffenbart werden!

O tiefe Abgründe der Hölle, öffnet euch, um diese Unzahl von Verworfenen zu verschlingen, die nur gelebt haben, um Gott zu beleidigen und verdammt zu werden.

Aber, werdet ihr mir einwenden, all die guten Werke, die wir verrichtet haben, werden doch nicht umsonst sein? Diese Fasten, diese Bußen, diese Almosen, diese Kommunionen, diese Beichten sollen ohne Belohnung bleiben? Nein, wird Jesus Christus euch erwidern; eure Gebete waren nur gewohnheitsmäßiges Geleier, euer Fasten Scheinheiligkeit, euer Almosen eitler Ruhm; eure Arbeit hatte keinen anderen Zweck als Habsucht und Begierde, eure Leiden waren nur von Klagen und Murren begleitet; ich galt bei euren Handlungen für nichts. Übrigens habe ich euch mit irdischen Gütern belohnt: ich habe eure Arbeit gesegnet, euren Feldern Fruchtbarkeit verliehen, eure Kinder bereichert; für das wenige Gute, das ihr getan, habe ich euch den vollen Lohn gegeben, den ihr dafür erwarten konntet. Aber, wird er uns sagen, eure Sünden leben noch, sie werden ewig leben vor mir: Hinweg, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer, das für alle diejenigen bereitet ist, die mich in ihrem Leben gering geschätzt haben.

Schrecklicher, aber unendlich gerechter Ausspruch! Was ist gerechter? Ein Sünder, der sein ganzes Leben nur in der Sünde sich wälzte trotz der Gnaden, welche der gute Gott ihm ohne Unterlass verlieh, um sich davon zu erheben. Sehet ihr diese Gottlosen, die über ihren Seelsorger sich lustig machten, die das Wort des Lebens verachteten und die Lehren ihres Pfarrers ins Lächerliche zogen? Sehet ihr diese Sünder, welche sich rühmten, keine Religion zu haben und diejenigen verspotteten, welche sie betätigten? Sehet ihr jene schlechten Christen, welche so oft diese furchtbaren Gotteslästerungen im Munde führten, welche sagten, es schmecke ihnen das Essen doch, wenn sie auch nicht beichteten? Sehet ihr jene Ungläubigen, welche sagten, dass nach dem Tode alles gar sei? Sehet ihr ihre Verzweiflung, höret ihr sie ihre Gottlosigkeit eingestehen? Vernehmet ihr ihren Ruf nach Barmherzigkeit? Aber alles ist zu Ende; ihr habet nur die Hölle als Anteil. Sehet ihr jenen Hochmütigen, der jedermann verspottete und verachtete? Sehet ihr seinen Stolz vernichtet und ihn verurteilt für eine Ewigkeit zu den Füssen der Teufel. Sehet ihr jenen Ungläubigen, der zu sagen pflegte: es gibt weder einen Gott, noch eine Hölle. Sehet ihr, wie er nun vor der ganzen Welt eingesteht, dass es einen Gott gibt, der ihn richtet und eine Hölle, in die er gestürzt wird, um nie mehr daraus hervorzukommen. Allerdings wird Gott den Sündern gestatten, ihre Entschuldigungsgründe zu ihrer Rechtfertigung vorzubringen, wenn sie können. Aber ach, was will ein Verbrecher vorbringen, der nur Verbrechen und Undank sieht? Schauerlich, alles was ein Verbrecher in diesem unglücklichen Augenblicke wird sagen können, wird nur dienen seine Gottlosigkeit und Undankbarkeit in noch helleres Licht zu stellen.

Sehet, meine Brüder, das was das Schrecklichste in diesem furchtbaren Augenblicke sein wird, wird der Umstand sein, dass wir sehen werden, dass Gott nichts gespart hat, uns zu retten; dass er uns der unendlichen Verdienste seines Todes am Kreuze teilhaft machte, dass er uns geboren werden ließ im Schoße seiner Kirche; dass er uns Seelsorger gab, welche uns all das zeigen und weisen, was wir tun sollen, um für immer glücklich zu werden. Er hat uns die Sakramente gegeben, damit wir seine Freundschaft, so oft wir sie verloren haben, immer wieder erwerben können; er hat keine Grenze für die Zahl der Sünden festgesetzt, die er uns verzeihen will; wenn unsere Rückkehr aufrichtig ist, so sind wir seiner Verzeihung sicher. Er hat eine Reihe von Jahren zugewartet, obwohl wir nur lebten, um ihn zu beleidigen; er wollte uns nicht zu Grunde richten, er wollte uns vielmehr um jeden Preis retten: und wir haben nicht gewollt! Wir selbst zwingen ihn durch unsere Sünden, das Urteil ewiger Verdammnis über uns zu fällen: Fort, verfluchte Kinder, fort, suchet den auf, dem ihr gefolgt seid: ich meinerseits kenne euch nur, um euch mit der ganzen Wucht meines ewigen Zornes zu verderben.


II.
Kommet, ruft uns der Herr durch einen seiner Propheten zu, kommet, ihr Männer, ihr Frauen, Reiche und Arme, Sünder, wer ihr immer seid, welchem Stande und welchen Verhältnissen ihr angehöret, bringet alle miteinander eure Gründe vor und ich will euch die meinigen sagen. Gehen wir ins Gericht vor und erwägen wir alles genau. Ach, schrecklicher Augenblick für einen Sünder, der, mag er sein Leben nach was immer für einer Seite betrachten, nur Sünde sieht und nichts Gutes. Mein Gott, was wird aus ihm werden! Auf dieser Welt weiß der Sünder immer einige Entschuldigungen für die von ihm begangenen Sünden vorzubringen; er bringt seinen Stolz selbst in das Bußgericht mit, wo er doch nur erscheinen sollte, um sich anzuklagen und zu verurteilen. Die einen schützen Unwissenheit vor, andere allzu heftige Versuchungen; endlich wieder andere die Gelegenheiten und die schlechten Beispiele: alle Tage kann man die Gründe hören, welche die Sünder vorbringen, um die Abscheulichkeit ihrer Verbrechen zu verbergen. Kommet ihr hochmütigen Sünder, lasset uns sehen, ob eure Entschuldigungen am Tage des Gerichtes gut aufgenommen werden, sprechet euch vor demjenigen aus, der die Fackel in der Hand hält, der alles gesehen, gezählt und gewogen hat. Ihr wusstet nicht, saget ihr, dass dies eine Sünde wäre! Ach, Unglücklicher, wird Jesus Christus zu dir sagen, wenn du mitten unter götzendienerischen Nationen geboren wärest, die nie vom wahren Gott haben reden hören, dann könntest du dich einigermaßen mit deiner Unwissenheit entschuldigen: aber du, ein Christ, der das Glück hatte, im Schoß meiner Kirche geboren, im Mittelpunkte des Lichtes aufgewachsen zu sein, dem man predigt von seinem ewigen Heile? Von Kindheit an hat man dich alles gelehrt, was erforderlich war, um dasselbe dir zu verschaffen; du, den man unablässig unterrichtet, ermahnt und getadelt hat, du wagst es, dich mit deiner Unwissenheit zu entschuldigen! Ach, Unglücklicher, wenn du in Unwissenheit lebtest, so bist du nur selbst schuld, weil du dich nicht unterrichten, weil du den Unterricht dir nicht zu Nutzen machen wolltest oder ihn geflohen. Fort, Unglücklicher, hinweg, deine Entschuldigungen machen dich nur noch mehr des Fluches würdig! Weiche, verfluchtes Kind, in die Hölle, um dort mit deiner Unwissenheit zu brennen!

Aber, wird ein anderer sagen, meine Leidenschaften waren sehr lebhaft und meine Schwäche war sehr groß. Aber, wird ihm der Herr entgegnen, nachdem Gott so gütig war, dich deine Schwäche erkennen zu lassen, und nachdem deine Seelsorger dir sagten, du müsstest beständig über dich wachen, dich abtöten, um darüber Herr zu werden; warum tatest du doch das gerade Gegenteil? Warum verwendetest du so viel Sorgfalt, um deinen Leib und deine Lüste zu befriedigen? Gott ließ dich deine Schwäche erkennen und du fielest jeden Augenblick? Warum hast du denn nicht deine Zuflucht zu Gott genommen, um ihn zu bitten um seine Gnade?

Warum gehorchtest du deinen Seelsorgern nicht, welche nicht ermangelten, dich zum Gebete aufzufordern um Gnade und Kraft, deren du bedurftest, um den Teufel zu besiegen? Warum warst du so gleichgültig und absprechend über die Sakramente, die soviel Gnaden und Kraft dir geboten hätten, um das Gute zu tun, das Böse zu meiden? Warum hast du so oft das Wort Gottes verachtet, das dir den Weg gezeigt hätte, den du einschlagen solltest, um zu ihm zu gelangen? Ach undankbare, blinde Sünder, alle diese Güter dienten zu eurer Festigung; ihr konntet euch derselben bedienen wie so viele andere. Was habet ihr getan um euch vor der Sünde zu bewahren? Ja, selbst gebetet habet ihr nur, weil es so hergebracht und Gewohnheit ist. Hinweg, ihr Unglücklichen! Je besser ihr eure Schwachheit kanntet, um so mehr hättet ihr eure Zuflucht zu Gott nehmen sollen, der euch unterstützt und geholfen hätte, euer Heil zu wirken. Hinweg Verfluchte, ihr seid dadurch nur noch strafbarer.

Aber es gibt so viel Gelegenheit zu sündigen, sagt ein anderer. Mein Freund, ich kenne drei Arten von Gelegenheiten, die uns in die Sünde stürzen können. Alle Stände haben ihre Gefahren. Ich sage, dass es drei Arten gibt: nämlich solche, denen wir wegen der Pflichten unseres Standes notwendig ausgesetzt sind; solche, denen wir begegnen, ohne sie zu suchen und endlich solche, in die wir uns ohne Notwendigkeit begeben. Wenn diejenigen, in welche wir uns ohne Notwendigkeit begeben, keineswegs als Entschuldigung dienen, so lasset uns nicht eine Sünde durch eine andere entschuldigen. Ihr habet, saget ihr, ein schlechtes Lied singen hören; ihr habet eine üble Nachrede oder eine Verleumdung angehört; und warum seid ihr in jenes Haus oder in jene Gesellschaft gegangen? Warum besuchtet ihr solch gewissenlose Leute? Wisset ihr nicht, dass der, welcher sich der Gefahr aussetzt, strafbar ist und darin umkommt? Derjenige welcher fällt, ohne dass er sich aussetzt, erhebt sich sogleich und sein Fall macht ihn noch wachsamer und klüger. Aber sehet ihr nicht, dass Gott, der uns seine Hilfe in den Versuchungen verspricht, uns dieselbe nicht auch versprochen hat, wenn wir so verwegen sind, uns selbst ihr auszusetzen. Hinweg, ihr Unglücklichen, ihr habet selbst euer Verderben gesucht; ihr verdient die Hölle, die Sündern, wie ihr seid, bereitet ist.

Aber, saget ihr mir, man hat beständig schlechte Beispiele vor Augen. Ihr habet schlechte Beispiele? Welch leere Ausrede! Wenn ihr schlechte Beispiele habet, habet ihr nicht auch gute? Warum seid ihr nicht lieber den guten als den schlechten gefolgt? Wenn ihr dies junge Mädchen zur Kirche, zum Tische des Herrn gehen saht, warum folget ihr nicht lieber dieser als jener, die zum Tanze ging? Wenn jener Jüngling in die Kirche sich begab, um dort Jesus Christus im heiligen Tabernakel anzubeten, warum seid ihr nicht lieber seinen Spuren gefolgt als den Spuren dessen, der in die Schenke sich begab? Saget vielmehr, ihr Sünder, dass es euch lieber war, den breiten Weg zu gehen, der euch in dieses Unglück führte, in dem ihr euch befindet, als den Weg, den der Sohn Gottes selbst gezeichnet hat. Die wahre Ursache eurer Sünden und eurer Verdammung kommt sicherlich nicht von den bösen Beispielen, noch den Gelegenheiten, noch euren Schwächen, noch dem Mangel an Gnaden her: sondern einzig von den bösen Regungen eures Herzens, die ihr nicht habet unterdrücken mögen. Wenn ihr Böses tatet, so geschah es, weil ihr es eben wolltet. Euren Untergang habet ihr nur euch selbst zuzuschreiben.

Aber, saget ihr mir, man hat immer gesagt, Gott sei gut. Allerdings ist er gut, aber er ist auch gerecht; seine Güte und Barmherzigkeit ist für euch vorüber: es gibt nur mehr Gerechtigkeit und Rache. Ach! meine Brüder, wenn Gott uns fünf Minuten vor diesem furchtbaren Tage Priester geben würde, damit wir unsere Sünden bekennen könnten, auf dass sie ausgelöscht würden, o wie würden wir, die sonst einen so großen Widerwillen gegen die Beichte haben, zum Beichtgerichte uns drängen! Das aber wird uns in diesem verzweiflungsvollen Augenblicke nie zugestanden. Der König Bogoris war wohl klüger als wir. Als er durch einen Missionar in der katholischen Religion unterrichtet worden, aber durch die falschen Vergnügen der Welt sich noch zurückhalten ließ, da schickte es die göttliche Vorsehung, dass ein Maler, dem er den Auftrag gegeben, in seinem Palaste die schauerlichste Jagd mit den wilden Tieren zu malen, ihm dafür das Jüngste Gericht, die Welt voll Feuer, Jesus Christus inmitten von Donner und Blitzen, die Hölle bereits gähnend, um die Verdammten zu verschlingen, mit so schauerlichen Figuren malte, dass der König regungslos davor stehen blieb. Zu sich gekommen erinnerte er sich dessen, was der Missionar ihm gesagt hatte, nämlich wie er den Schrecken jener Stunde entgehen könne, in welcher der Sünder nur mehr die Verzweiflung als seinen Anteil haben kann: er entsagte zur Stelle all seinen Vergnügungen und brachte den Rest seines Lebens in Buße und Tränen zu.

Ach, meine Brüder, wenn dieser Fürst sich nicht bekehrt hätte, wäre er auch gestorben, hätte all seine Güter und Vergnügungen verlassen, allerdings ein wenig später; aber nach seinem Tode wären sie nach hundert Jahren oder darüber an andere übergegangen. Er säße in der Hölle und würde für immer zu leiden haben; so aber ist er in Ewigkeit im Himmel und kann sich in Erwartung dieses großen Tages bei dem Gedanken beruhigen, dass all seine Sünden ihm verziehen sind und dass sie nie mehr weder vor den Augen Gottes noch vor den Augen der Menschen zum Vorscheine kommen.

Die tiefe Erwägung desselben Gedankens bewog den heiligen Hieronymus zu so großer Strenge gegen seinen Leib und zu so reichlichen Tränen. Ach, rief er in ferner Einsamkeit aus, mir ist, als hörte ich jeden Augenblick jene Posaune, welche die Toten auferwecken soll, mich vor den Richterstuhl Gottes rufen. Der nämliche Gedanke machte einen David auf seinem Throne, einen Augustin inmitten seiner Vergnügungen zittern, ungeachtet aller Anstrengungen, die er machte, um den Gedanken zu unterdrücken, dass er einst werde gerichtet werden. Von Zeit zu Zeit pflegte er zu seinem Freunde Alipius zu sagen: Ach, teurer Freund, es wird ein Tag kommen, an dem wir alle vor dem Richterstuhle Gottes erscheinen werden, um dort Belohnung für das Gute oder Züchtigung für das Böse, das wir in unserem Leben getan haben, zu empfangen; vertauschen wir, fuhr er fort, mein teurer Freund, den Weg des Verbrechens mit dem, den alle Heiligen eingeschlagen haben. Bereiten wir uns von der gegenwärtigen Stunde an auf diesen Tag vor...

Welchen Schluss müssen wir aus dem allen ziehen, meine Brüder? Diesen: Wir dürfen nie aus dem Auge verlieren, dass wir eines Tages ohne Barmherzigkeit gerichtet werden, und dass all unsere Sünden vor den Augen der ganzen Welt offenbar werden und dass wir nach diesem Gerichte, wenn wir uns in diesen Sünden befinden, in die Hölle eingehen werden, sie zu beweinen ohne je mehr sie austilgen oder vergessen zu können. O wie blind sind wir, meine Brüder, wenn wir die Spanne Zeit, die wir noch zu leben haben, nicht benützen, um uns des Himmelreichs zu versichern. Wenn wir Sünder sind, so haben wir Hoffnung auf Verzeihung; im Falle wir zuwarten, wird es kein Rettungsmittel mehr geben. Mein Gott! verleihe mir die Gnade, dass ich den Gedanken an diesen schrecklichen Augenblick nie aus dem Sinne verliere, und überdies lass mich, wenn ich versucht werde, nicht fallen: Damit wir an jenem Tage die süßen Worte aus dem Munde des Erlösers vernehmen: "Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters! nehmet von dem Reiche Besitz, das euch vom Anbeginne der Welt bereitet ist."


3 Die Sünden der Kinder werden Sünden der Eltern, wenn die Eltern sich dabei beruhigen, das heißt, wenn sie gleichgültig dagegen sind, während sie dieselben doch verhüten sollten. (Anm. d. französ. Herausgeber.)



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